Mein Freund der Baum


Eines Nachmittags ging  ich in den Supermarkt. Es war eines dieser Einkäufe, bei denen später am Kassenband für alle offensichtlich sein würde, dass es sich bei diesem Einkauf um einen reinen Langeweile-Einkauf handelt. Auf dem Waren-Band könnten später dann Walnussknacker, Ayran und Stevia-Zucker liegen. Also war ich jetzt bei Rewe, dem Supermarkt meines aktuellen Vertrauens. Das Vertrauen entsprang der Faulheit, zum 50 Meter weiter entfernten Penny zu gehen.

Als ich zwischen den Regalen hin und her schlurfte und mir überlegte, ob ich für Barilla-Nudeln bereit bin, 1,55 Euro auszugeben oder warten wollte, bis es sie für 77 Cent zu haben gibt, begegnete ich dort einer Frau. Sie wirkte ältlich und hatte leicht angezotteltes, Straßenköter-Blondes Haar. Sie trug eher untere Milieu-Kleidung. Sie wirkte etwas zerstreut und ich konnte ihr wahres Alter nicht einschätzen.

Sie stand wahrscheinlich schon die ganze Zeit vor dem Regal und machte den Anschein, genauestens die Nudelpreise zu studieren. Dabei befasste sie sich offensichtlich mit etwas ganz anderem, nur dass sie dabei zufällig vor den Nudeln stand.

Wir waren vor diesem Regal ziemlich ähnliche Fremde.

Es kam zum Gespräch. Im Grunde war es kein Gespräch, weil nur sie redete. Ich war nur der Körper, der sie von einem Selbstgespräch abhielt. Es war mir egal, weil mir langweilig war. Also nahm ich dieses Supermarkt-Intermezzo dankend an.

Sie sprach von einem Vortrag, genau genommen von einem Vortrag über Bäume. Es waren ganz normale Bäume, wie Platanen oder Birken. Also echt Scheißegalbäume. Sie sprudelte bei ihrem Fast-Selbstgespräch wie ein Marktbrunnen. Dabei erzählte sie von einem Vortrag über Bäume, den sie noch halten muss. Sie sollten gerettet werden, weil sie wohl in Gefahr waren. Ihnen drohte die Fällung. Jene Bäume bedeuteten der Frau offensichtlich alles. Sie sollte vor eine Bürgerversammlung treten und einen Vortrag halten: Davor hatte sie große Angst.

Nur, die Frau hatte wirklich Angst.

Sie litt unter einer Angststörung, die sie zwang, zu Hause zu bleiben. Eine Angst, die sie davon abhielt, sich im Freien zu bewegen. Wenn sie sich mal heraus traute, überfielen sie Atemnot und Panik. Es war eine Angst, die sie völlig entmenschlichte, weil sie nichts tun konnte, was normale Menschen tun können.

Von all diesen Angstneurosen und Zwangsstörungen erzählte sie mir. Sie sprudelte sich bei mir regelrecht frei.

Sie hatte entschieden, vor eine Bürgerversammlung zu treten und sich für stinknormale Stadt-Bäume einsetzen. Dabei stellte sie sich ihrer größten Angst: Der Angst.

Ich kaufte nach der Begegnung nur noch das Nötigste vom Unnötigen ein. Auf dem Heimweg zog ich an Platanen und Birken vorbei.

So scheißegal waren sie irgendwie doch nicht mehr.