Die Madame

Als ich mich durch die ersten Stunden des Tages hetzte, bemerkte ich, dass ich noch keinen Kaffee getrunken hatte.

Ein Fehler, wie sich morgens um sieben am Schalter der Kundenberatungsstelle der Verkehrsbetriebe rausstellen sollte. Ich war mit meinem Rennrad in der Stadt unterwegs. Ich konnte es aus vielerlei Gründen nicht vor dem Gebäude abstellen. Zum einen, weil die Stadt voll von Kreaturen ist, die das Eigentum anderer nicht achten. Zum anderen, weil mein Bike einfach toll ist. Das lasse ich nicht aus den Augen, so wie ein alternder Mann seine jüngere Flamme nicht aus den Augen lässt.

Hier kommt die Madame ins Spiel. Sie war keine Flamme.

Hochkonzentriert und verschwitzt saß sie hinter ihrem Schalter und sprach mit einem Kunden. Kaum sah sie mich mit dem Rad, hievte sie sich aus dem Stuhl, hob ihren Arm mit der Eleganz eines Stadionsprechers und teilte mir sachkundig mit, dass ich das Rad aus „Sischärhaidsgründen“ draußen abzustellen habe. Ihr halb blondiertes, halb dauergewelltes Haar, wehte pathetisch im Raum.

Ich zögerte nicht. Das Kommunikationspetting habe ich mir und anderen erspart. Ich machte keinerlei Anstalten, mit meinem Wutausbruch zu warten. Ohne zu zögern, rastete ich sofort aus. Mitten im Raum. Fremde Menschen vor mir, Schulkinder hinter mir, die von der Klimaanlage verseuchte Raumluft über mir. Während meines Ausbruchs sah ich in sehr vertraute Augen. Augen eines ratlosen Publikums, das diesen plötzlichen Wutausbruchs nicht verstand. Diese Augen kenne ich schon lange. Die machen mit mir schon lange nichts mehr. Ich brüllte die Madame ungebremst an.

Das sie mir gefälligst das Leben jetzt nicht schwer machen solle. Dass sie mich einfach nur hier rein und rausgehen lassen soll. Dass mein Zug gleich fährt.

Ihrem Gesichtsausdruck nach hatte sie mit so einer Reaktion morgens um sieben keineswegs gerechnet. Dann tat sie das, was viele im Job durchschnittlich geforderten aber vom Leben überforderten Menschen taten: Sie sah flehend zu ihrem Kollegen hinüber.

„Und sie mache uns des Leybe schwär“. Bäm. Die Worte des Mannes hingen schwer im Raum wie die Rauchschwaden seiner Stammkneipe. Was sollte ich dazu sagen? Er hatte Recht. Ich aber auch, denn ich hatte weder Zeit noch Nerv für diese Art von bürokratischem Gehorsam hinter dem Schalter des Service-Grauens. Mein Handy war verschwunden und es muss im Korb eines der Mieträder gelegen haben. Mein Zug fuhr gleich. Ich hatte einen Termin. Und mir war bewusst, dass ich mit meinem Rennrad weniger Raum einnehme als so manch Mutter mit ihrem Kinderwagen. War ihnen egal. Beide Wesen hatten ihre Vorschriften und sie führten ihren Auftrag fein säuberlich  wie einen chirurgischen Schnitt aus.

Ich trat an den Schalter heran. Der Machtbereich der Madame. Ich hörte schon ihre Trommeln wirbeln. Sie wartete wie ein Elefant im Zirkus auf ihren Auftritt. „Sie müsse des Rad aus Sischäääheidsgründen draußen lassen“, dozierte das Geschöpf nochmals. Ich erklärte ihr, dass ich in fünf Minuten weg sei, dass ich mein Handy verloren habe – mein Leid sprudelte nur so aus mir heraus. Während mein Leid wie ein Schokoladenbrunnen vor sich hin quoll, dachte ich: Nun versteht sie mich. Schließlich ist sie Mensch. Ein Wesen, das jetzt der Auflösung zusieht wie einem Film und nun über all das wohlwollend  schmunzeln kann. Davon ging ich aus.

Das war ein Fehler.

Sie sah wieder durchschnittlich zu ihrem Kollegen hinüber. Ob er ein Handy gesehen habe.

Miststück.

„Nein, hier wurde keines abgegeben“, antwortete der graue Star.

Den Duft der Genugtuung sogen sie in sich auf wie hungrige Vampire das Blut von Jungfrauen. Der von Tabak zerfressene Mann sah mich zufrieden an.

Ich sagte ihnen, dass das Ihnen jetzt sicherlich runter gehe wie Öl.

Madame bekam jetzt so richtig Auftrieb. „Sie waaaare abbä auch unnfräundlischsch“.

Das war zu viel. Ich stand an der Tür, brüllte in den Raum und sprach die Worte aus, die ein hilfloser Mensch ausspricht, wenn er sich schlecht behandelt fühlt. „Ich wünsche Ihnen einen richtig beschissenen Tag. Ich meine so richtig scheiße. So richtig, richtig scheiße!“ Ich brüllte die Worte aus mit der Selbstsicherheit einer mittelalterlichen Hexe, die wusste, dass jener Fluch eintritt. Ich hatte die Macht. Eine Macht die sie nicht greifen und nicht beweisen konnten – so fühlte sich das  an.

Was ich in den Augen der Madame sah, überraschte mich.

Ich sah Angst. Ich sah tiefsitzende, nackte Angst. Sie glaubte mir. Ich muss also glaubwürdig gewesen sein. Sie hatte jetzt wirklich Angst vor dem was ihr an dem Tag blühen könnte.

Ich hingegen blühte auf. Der Tag war großartig –  von Herzen großartig. Und der Kaffee schmeckte danach richtig gut.

Die vom Dom


Es gab einen Vorboten.

Wie aus dem Nichts tauchte er im Sommer vor meiner Spanien-Reise auf  und verschwand dann wieder.

Marktsamstag. Mainzer Dom. Die Marktstände waren umgarnt von Menschen und Sonnenanbetern.  An den Weinständen tummelten sich Hipster und  Alteingesessene Seite an Seite. Ich saß auf einer Bank am Fuße des Doms und sah, während mich die Sonne kitzelte, dem Treiben zu.

Ein hochbetagter Herr mit Gehstock kämpfte sich durch die Menschenmenge und setzte sich ächzend dazu.  Auch er ließ sich von der Sonne kitzeln. Von mir nahm er keinerlei Notiz, ich aber von ihm. Ich war in Riesling Laune, was in Mainz nichts Unübliches ist. Das Marktfrühstück am Samstag schenkt denen, die schon vormittags Wein trinken wollen, dafür die Absolution.

„Wollen Sie mit mir Einen trinken?“ Der Satz kam einfach so raus. Ich konnte ihn gar nicht aufhalten. Er huschte mir davon und verschwand in das Territorium des Herrn.  Es schien, als gäbe es eine telepathische Verbindung zwischen uns. Ich wusste einfach, dass er was trinken wollte aber sich nicht zu den Weinständen quälen konnte. Auf meine Frage reagierte er sofort: Er sparte sich jegliches Small Talk – Geplänkel und packte direkt seine Geldbörse aus. Bei unserem ersten Wortwechsel verstanden wir uns also nahezu ohne Worte.

Bei Riesling und Weißburgunder erzählte er dann seine Geschichte, die mit Gehstock und Franzbrandwein nichts zu tun hatte. Sie hatte vielmehr damit zu tun, wie er als Kameramann und Flugpilot die Welt erlebte. Es folgten Geschichten von Verhaftungen durch türkische Polizisten, von Helikopter -Flügen und von Dokumentationen, die er gedreht hatte. Aus dem gebrechlichen Mann wurde ein Mensch mit einer felsenfesten Geschichte.

Der zweite Wein folgte und wir tauschten Telefonnummern aus. Zudem lud er mich zu seiner Feier anlässlich seines 83sten Geburtstages ein. Wir verabschiedeten uns nach dem Marktfrühstück-Intermezzo voneinander und jeder ging seines Weges. Die Einladung nahm ich nicht wirklich ernst. Aber der Termin stand fest.

Sein Geburtstag nahte und ich war mir nicht sicher, ob dieser Termin echt war. Ich rief ihn an. Nach langem Klingeln nahm er den Hörer ab. Der Geburtstag sei abgesagt worden, es gäbe Terminprobleme  aber wir könnten uns doch treffen. Ich war, um ehrlich zu sein, einfach nur neugierig. Also ging ich wenige Stunden später zum verabredeten Cafè.

Er war schon da und wirkte wie jemand, der schon länger wartet. Und er wirkte wie jemand, der sich darauf freute, seine Geschichte einem Menschen erzählen zu dürfen, der ihn nicht kennt. Also erzählte er seine Geschichten, die zugegeben, sich nicht sonderlich von denen des Marktsamstages unterschieden. Nach etwas mehr als einer Stunde moderierte ich das Treffen höflich und routiniert ab, um meinen Heimweg anzutreten. Er brach dann auch auf und wohnte selbst nicht weit von dem Café.

Plötzlich kam ein Mann auf uns zu.

„Papa, wo bist Du denn, alle warten auf dich.“ Mir klappte die Kinnlade runter, der Opa stammelte irgendwas und stellte mich seinem Sohn als  „Die vom Dom“ vor.

Das fragende Lächeln des Sohnes  formierte sich zu einem: „Ah, Sie sind das. Von Ihnen habe ich schon gehört“. Dabei formierte sich sein Blick weiter zu einem besorgten Fragenkatalog, den ich nicht beantworten konnte.

Die Familie feierte den Geburtstag und der Opa hatte sie alle gepflegt versetzt – ich war der Grund. Der Sohn entschied, mich zu der Feier mitzunehmen. Er hatte Humor.

Das schrägste an der Geburtstags-Runde  war der Gang zum Tisch, an dem die Familie saß. Mich sahen nur fragende Gesichter an und ich fühlte mich, als müsste ich im Bikini die Tagesschau moderieren. Für mich stand dort fest: Der einzige Weg hier raus war der Weg durch.

Die Tochter fand mich so richtig scheiße.

Ich meine so richtig scheiße. Über ihrem Kopf formierte sich die dicke Luft zu einem einzigen Wort: Erbschleicherin! Ich war ihrem Hass schutzlos ausgeliefert. Der Sohn schien Spaß an ihrer nackten Angst ums Familien-Erbe zu haben. Befeuert wurde der Hass durch überflüssige Kommentare des Opas: „Ja Elif, Sie gehören jetzt zur Familie, Sie werden jetzt mitgezählt.“

All meine Versuche, mich unsichtbar zu machen, schlugen fehl.

Nach etwa zwei Stunden war der Spuk vorbei. Die Tochter war so semifreundlich und fuhr ihren Vater und mich sehr sehr schnell heim. Ich hatte kurz die Befürchtung, dass sie mich aus dem fahrenden Porsche Cayenne rauswerfen wird, aber meine Sorge verflüchtigte sich so schnell wie der verbrauchte Sprit für die Fahrt.

Zu Hause schenkte ich mir erst mal einen Riesling  ein. Auf diesen Riesling, da war ich mir sicher, sollten keine weiteren Geschichten folgen.

Mario Vargas Llosa


Ich habe wahrscheinlich gegen ein Naturgesetz verstoßen. Wenn bei irgendwem in letzter Zeit aus dem Nichts plötzlich ein Sack Reis umgefallen war: Das war ich, Verzeihung.

Ein 38-jähriger Mensch kann nicht mit einem 85-jährigen Mann wohnen. Ich war nach vier Wochen mehr oder weniger durch. Ich fühlte mich am Ende wie ein Hefeteig, der in einem Schuhkarton aufgeht.

Es lag nicht an der Aufgabe. Was mich vielmehr fertig machte, war mein Lebens- und Arbeitstempo. Ich musste mich seinem Tempo anpassen – und das war nicht meins. So langsam zu sein, steht nicht in meinem Drehbuch. Zudem lebte ich in Altenhausen. Dort rollen auf dem Asphalt ausschließlich Rentner-Longboards. Der Ort bestand gefühlt nur aus Arztpraxen. Wenn nicht gerade Krankenwagen Zeit und Raum verprellten, waren es Leichenwagen, die sich meinem Sichtfeld aufdrängten. Krankheiten und Tod dekorierten meinen Alltag.

Mein ganzheitliches Hefeteig-Ganzkörper-Gefühl wurde zudem durch den Umstand beflügelt, dass sich inzwischen auch unsere Hirne eingeschwungen hatten. Auserwählte Paare dürften das ja in Reinform kennen: die  Sätze des anderen vervollständigen oder nur noch in der Wir-Form reden, als hätte es noch nie ein Ich gegeben. So schlimm war es bei uns noch nicht. Aber dennoch übernahm jeder unweigerlich eine Nuance vom anderen.

Mein Hirn wurde phasenweise matschig und ich bekam Wortfindungsstörungen.

Er fing manchmal aus dem Nichts an, laut zu singen und schlaksig zu tanzen. Als er mich beim ersten Mal dabei erwischte, zeigte er mir noch den Vogel. Der demente Mann sah mich glasklar an und zeigte mir den Vogel. Dass ich durchaus eine Irre sein kann, erkannte er bei unserem ersten gemeinsamen Fernsehabend. Unser tägliches Highlight war die Sendung ¡Ahora Caigo! Es gibt ein deutsches Äquivalent: Ab durch die Mitte auf Sat.1: Kandidaten, die auf Falltüren stehen, fallen runter, wenn sie die Antwort nicht kennen.

Bei Gameshows bin ich ein Arschloch. Ich schreie meistens die Antwort in den Fernseher, wenn die Kandidaten auf dem Schlauch stehen. Und so stand unser erster Fernsehabend im Zeichen des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Ich meine, diese Antwort war echt idiotensicher. Die dumme Kuh wollte sie einfach nicht aussprechen. Und so tat ich das, was jeder normal gebildete Mensch tut, wenn er die Dummheit des anderen nicht erträgt. Die Antwort  immer wieder in den Fernseher reinbrüllen. Immer wieder: Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa.

Der Opa starrte mich mit offenem Mund an.

Nach einer Woche hatte er sich schon an meine Anfälle gewöhnt und strich mir jedes Mal, wenn ich meinen ¡Ahora ich Kotze!- Moment hatte, sanft über den Kopf.

Der gepflegte Gaga-Faktor war ein wichtiger  Bestand-Teil unseres Umgangs. Wenn wir im Aufzug beide die Stille nicht ertrugen, fingen wir zeitgleich an, zu singen und zu wippen. Einmal, ließ ich in der Küche auf dem IPad das Manamana-Lied der Muppett Show laufen.  Er packte mich sofort am Arm und tanzte los: Er wartete  keine fünf Sekunden damit. Und so standen wir ungleichen Geschöpfe in der Küche und tanzten zu diesem genialen Stück – einfach so. Deutsch konnte ich ihm nie wirklich beibringen, aber ein Wort sprach er am Ende des Songs glasklar aus.

Ach, wie schön klang sein Manamana.

Sollen doch Eure Reissäcke ruhig weiter umfallen. Ist mir egal.

Champions League

Seine Arme waren weich wie Wackel-Pudding.

Da war überhaupt keine Spannung mehr und seine von Altersflecken übersäte Haut war dünn wie Pergamentpapier. Seine Arme hatten viel geleistet aber sie hatten im Laufe der Zeit immer weniger zu melden. Inzwischen hatten sie nichts mehr zu stemmen –  Nur noch ab und zu ausstrecken, wenn Ärzte es ihm befahlen.

Als das Gerät bei der Blutdruckmessung anfing zu brummen, die Manschette am Arm sich aufbäumte und die Zeit von der Messung angehalten wurde, kam mir das Alles vor wie das reinste Kasperletheater. Diese Untersuchung war nichts als Seniorenbespaßung, damit die Alten nicht auf die Barrikaden gehen und irgendwann aus der Reihe tanzen. Solche Rituale gehören anscheinend zur natürlichen Ordnung der Seniorenwelt: Sie geben den Puddingarmen Halt, Ordnung, etwas menschliche Nähe – und den Kassen Dinero.

Ich hatte in dem Versorgungs-Gefüge die geringste Last zu tragen. Ich war kurz da und hatte von allen den leichtesten Job.  Jedes Mitglied der Versorgungsmaschinerie behandelte den Opa wie ein Problem, das mit aller Kraft am Laufen gehalten werden muss. Auch für seine Kinder war er ein To-Do auf der Liste. Und jeder suchte sobald er mit dem Opa in einem Raum war, nur noch eins: das Weite. Keiner befasste sich länger mit ihm als er musste. Wahrscheinlich war er die Flucht längst gewohnt. Dabei war er immer ganz gelöst, wenn er mit geliebten Menschen sprach: bei Telefonaten mit der Schwester, mit dem Sohn oder gar bei Gesprächen auf der Straße mit alten Bekannten. 

Ich hatte zum Glück kein Bild von ihm im Kopf. Kein Bild davon, wie er früher war: als Vater, toller Opa oder Chef. Für mich war er der Opa, der Banane im Kopf ist und das Tanzen liebt. Er hatte auch kein Bild von mir. Ich war einfach da. Ihn interessierte nicht im geringsten, was ich im echten Leben mache. So hatten wir zusammen etwas, was uns in die Champions League der menschlichen Beziehungen befördert hat: voneinander keinerlei Erwartungen. Null. Nada.

Und damit hatten wir zeitweise richtig Spaß.

Der Opa war ein Job. Ein Job, der mir hilft, günstig in Spanien zu leben und die Sprache zu lernen. Womit ich hier nicht gerechnet hatte: Dass ich es mit dem Alter zu tun haben werde. Ich habe dieses Thema bisher mit chirurgischer Präzision sauber aus meinem Leben rausgehalten und einfach gnadenlos aus meinem Umfeld ausgeschlossen. Zwischen Hipster-Läden, die in meinem Viertel das Handlettering feiern, Stammkneipen, die diesen Trend wieder wegspülen und wöchentlichem Crossfit tauchte das Thema Alter glücklicherweise nie auf.

Jetzt ist es da.

Gaga-Land

Als die Schildkröte plötzlich weg war, ahnte ich, dass es der Opa langsam damit anfing, aufzuhören.

Die Schildkröte war unsere Mitbewohnerin und seine Gefährtin. Sie hieß einfach nur Tortuga, was Schildkröte bedeutet.  Der Opa lachte mich immer aus, weil ich das R von Tortuga nicht rollen konnte.

Es gab einige Bilder, die ich im Laufe meines Lebens gesehen habe, und die sich für immer in mein Hirn eingenistet haben. Da wären zum Beispiel Bilder einer Abschiedszeremonie anlässlich der dauerhaften Schließung einer Frittenbude an der Bundesstraße 41 in einem 5.000 Seelen-Kaff in Rheinhessen. Diese Zeremonie fand tatsächlich statt: mit Abschiedsreden, Sonntagskleidung und Sekt. Dann wäre der Anblick einer niemals zuvor gesehenen Stichflamme, die entsteht, wenn man zwei Liter Benzin in einen Bottich kippt und den wiederum in ein Lagerfeuer rein stellt. Und als meine vom Krebs gezeichnete Oma einen ausgewachsenen toten Hai durch die Gassen Istanbuls trug und laut schimpfte, weil wir ihn vorher vom Angeln als Trophäe angeschleppt hatten.

Zu diesen Bildern gesellt sich nun ein neues Bild: Es ist das Bild eines dementen 85-jährigen Mannes, der mit aller Kraft eine zappelnde Schildkröte durch seine Wohnung trägt. Tortuga flüchtete immer wieder  – zu Recht – aus dem Wassertrog, den der Opa ihr liebevoll im Bad bereitet hatte. Wieso er im Wasser schwimmen musste, weiß ich nicht. Ich kenne mich mit Tortugas null aus. Aber es war offensichtlich, dass das Ganze für Tortuga eine Tortur war. Es war ihr einfach irgendwann zu viel Wasser.

Nun klingt „dement“ wie etwas, was man als alter Mensch eben hat. Aber was es tatsächlich bedeutet, habe ich erst verstanden, als ich Demenz mitbekommen habe. Von einem Moment zum nächsten wurde aus einem erwachsenen Mann, der spazieren ging und Gedichte vortrug, jemand, der plötzlich im Schu-schu-Gaga-Land taumelt und nichts mehr hinbekommt.

Nichts mehr hinbekommen klingt harmlos. Jeder, der mal umgekippt ist oder aus einer Narkose aufgewacht ist, kennt das: die ersten Sekunden, in denen man überhaupt nicht kapiert was los ist – wie man heißt, wo man ist und was gerade passiert ist. So ging es dem Opa – über Stunden. Manchmal benahm er sich wie jemand, der gerade schläft und träumt. Wir Normalos können zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her switchen – Bei ihm fehlt dieser Schieber im Hirn einfach. Er erzählt in den schillerndsten Farben detailliert Szenen aus seiner Vergangenheit – und bleibt dort einfach kleben. Er erlebt das alles komplett noch mal. Nach seinem Flashback steht er dann in seiner Küche und wühlt in seinen Unterlagen herum, ohne zu wissen, wieso er das tut. Wie ein Schlafender tappt er durch sein eigenes Leben und greift in seinem Fotoalbum nach Bildern, die einfach nicht mehr da sind.

Dass er gerade Zwangsurlaub im Schuschu-Gaga-Land macht, äußerte sich zum Beispiel auch darin, dass er frisch rasiert, angezogen und rausgeputzt morgens um halb fünf in meinem Zimmer stand. Er wollte spazieren gehen und auch mal jetzt wissen, wie es um irgendeinen scheiß Arzttermin steht.  Der Alte machte nicht mal das Licht in meinem Zimmer an. Tür auf und ab laut raus mit dem, was ihm so durch den Kopf waberte. Ich saß senkrecht im Bett mit einem Puls von gefühlten 250.

Schlimm waren die Momente, in denen er sich seines Zustandes und seiner Machtlosigkeit bewusst wurde. Und so schöpfte er beim „Mir-total-auf-den-Zeiger-gehen“ auch aus dem Vollen, das sein Ego zu bieten hatte: mit mir das Äffchen machen, über Stunden irgendwelche Unterlagen suchen, die Möbel in der Wohnung nachts um drei verrücken oder die Einnahme seiner Medikamente verweigern.

Und dieser Mensch schaffte es, sich über Jahre um sein geliebtes Tier zu kümmern. Tortuga holte den Opa aus seinem Gaga-Land raus.

Irgendwann nicht mehr. Der Sohn nahm das Tier mit nach Hause. Tortuga war für immer weg.

Alte Hasen – Junges Gemüse

Es gibt für alles ein erstes Mal.

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die persönlichen Lebens-Premieren immer weniger werden. Im Grunde habe ich mit dem Thema Premieren auch fast abgeschlossen. So viele Lektionen sind gelernt, so viele Momente abgelebt. Wo soll da noch was kommen?

Es kam was.

Es war unser erster gemeinsamer Sonntag, der in dieser Variante zugleich unser einziger Sonntag werden sollte. Mein Dienst hatte um 16:30 Uhr begonnen – das ist die Vereinbarung. Es war der Tag vor der Empanada-Kotzerei. Ich tippelte pünktlich und schüchtern in sein TV-Zimmer. Es war ein sonniger Tag, das Licht strahlte in den muffigen Raum und versprach Leben. Der Opa war an diesem Tag noch munter. Ob wir mal ein „Dar un paseo“, also einen Spaziergang machen wollten. Dar un paseo ist Teil meines Jobs.

Noch ahnte ich nichts.

Wir gingen los. So recht wussten wir noch nicht, was wir miteinander anfangen sollten. Unbeholfen gingen wir nebeneinander her wie zwei zwangsverheiratete junge Menschen.

Es war ein herrlicher Rentnertag. Die Stare kackten in Schwärmen auf die Menschheit, die Rollatoren glitten wie Eisprinzessinnen über den Asphalt und im Park nervten nur die vorzeigbaren Enkelchen.

Er ging zielstrebig auf das Haus zu, das im Park liegt. Dort, so seine Versprechung – gäbe es Kaffee. Mit Kaffee kriegt man mich immer. Das hatte der Opa schon geschnallt. Im Foyer des Gebäudes standen etwa 80 Rentner. Mein Schicksal war mit dem Eintreten besiegelt. Noch ehe ich mich versah, zog mich der Opa mit seinem Gehstock auf die Tanzfläche und tanzte mit mir. Eine Kapelle, die diesen Job offensichtlich dringend brauchte, beschallte den Raum mit gefühlten 120 Dezibel. Zwei Mittvierzigerinnen mit strammen Leggins und silbernen Walla Walla-Tops animierten mit Gesang und eigenen Choreografien zur Sonntags-Ekstase.

Ungefähr 300 runzlige Fragezeichen starrten uns, das ziemlich ungleiche Paar, ziemlich gleich hohl an.

Ich war auf einen Tanztee gelockt worden und ich hatte nur einen Job: mit dem Opa tanzen.

Ich war die Attraktion. Wie ein Zirkuspferd führte mich der 85-Jährige der gaffenden Meute vor. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine von den Escort Damen. Ich spülte zwischendurch zwei Bier runter, um mich locker zu machen. Das Bier kostete 80 Cent. Ist nur fair. Nach den Cervezas war alles egal. Ich tanzte zwei Stunden mit dem Opa. Irgendwann tanzte ich auch mit anderen. Darauf kam es ja auch nicht mehr an.

All die Jahre habe ich es geschafft, den Gefahren des Nachtlebens aus dem Weg zu gehen. Ich hatte glücklicherweise noch nie K.O. -Tropfen abbekommen, wurde stets respektvoll behandelt, und bin noch nie irgendwelchen Typen auf den Leim gegangen.

Und wer verarscht mich? Ein 85-Jähriger Mann mit Demenz. Ich kann da nur sagen: Respekt.

Überrascht hat mich, wie munter die Alten waren, als es ums Feiern ging. Da kam bei jedem Einzelnen der Lebens-Kern raus. Der Kern, der mit Thrombosestrümpfen, Blutdrucktabletten und grauem Star nichts zu tun hat. Jeder war da echt, jeder war wieder ein Selbst. Der Opa war in seinem Element, obwohl es ihm eigentlich hätte schlecht gehen müssen mit den vielen Tabletten und Schmerzen. Der Opa liebt nämlich das Tanzen. Noch Tage später erzählte er allen in der Stadt von diesem Tag. Das war es wert.

Jeder im Raum tanzte auf seine Weise, wie es dem eigenen Wesenskern  entsprach: Da waren die sportlich-ehrgeizigen, die es allen zeigen wollten. Da tanzten die kränklichen, die noch mal alle Kräfte zusammen genommen haben und es tanzten die lebenslustigen Menschen, die alles so nehmen wie es kommt. Es scheint einen Kern in jedem von uns zu geben, der für immer unzerstörbar ist. Das kam beim Tanzen raus.

Und noch was: Wer wirklich wissen will, wie man Frauen zur richtigen Zeit anspricht, wie lange man am besten damit wartet, bis man zur Theke schlendert und das Objekt der Begierde bezirzt, der lernt das am besten auf einem Rentner-Tanztee. Vergesst Flirtseminare – geht auf Tanztees!  Die alten Hasen mit ihren Herzschrittmachern beherrschen diese Spiele wirklich im Schlaf.

Naja, einige haben auch geschlafen.

So total anders als auf unseren Partys ging es gar nicht zu.

Empanadas

Während ich seine Kotze wegwischte, dachte ich über Pablo Neruda nach. Genau genommen über den einen Satz: „Dejame que te able tambien con tu silencio“. Im Zusammenhang mit meinem Ziel, Spanisch zu beherrschen, sah ich mich immer im Lichte des chilenischen Poeten. „Irgendwann“, dachte ich, „werde ich Gedichte von ihm lesen können, werde voller Weisheit den ganzen Kram von ihm kennen und ich trage stets ein ganz edles Exemplar bei mir.“ Im Spanischkurs  – Monate vor meiner Reise in den Norden Spaniens – musste die Gruppe vorlesen. Es war ein Gedicht von Pablo Neruda. Als ich dran war, las ich den Satz vor: „Dejame…“ und überhaupt. Die Lehrerin war überrascht und angetan. Ich hatte meinen tiefsinnigen Neruda-Moment, seitdem klebt die Zeile an meinem Kühlschrank.

Als ich mich für das Work und Travel Programm als Freiwillige angemeldet hatte, stellte ich mir vor, wie der Opa und ich spazieren gehen würden und er liest mir dabei Neruda-Gedichte vor. Ab und zu schaut er bedeutungsschwanger hoch zu den Bäumen, in denen die Sonne durch die Kronen strahlt und er erklärt mir dabei das Leben. Nach den vier Wochen gehe ich geläutert zurück nach Hause und habe den Lebensdurchblick wie was weiß ich der eine Typ bei „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran.“ Ich komme erleuchtet wie Jesus zurück nach Hause  und strahle.

Seine Kotze war leicht bröselig.

Die in der gallertartigen Masse schwimmenden Brösel waren mal Empanadas mit Thunfisch. Die Spanier knallen in alles Thunfisch rein. Wahrscheinlich auch in den Thunfisch.

Der Opa liebt Empanadas. Er freut sich schon drei Tage vorher wie Bolle, wenn er weiß, dass es in drei Tagen Empanadas gibt. Sein Sohn riss sie ihm einmal mitten beim Essen aus der Hand, weil er der Meinung war, der Opa dürfe sie wegen seiner 85-jährigen Zähne nicht essen.

Von Neruda war ich hier weiter entfernt denn je, während ich den Opa mitten in der Nacht versuchte, vom Boden aufzulesen. Er war der Meinung, dass er nicht aufstehen kann, also konnte er nicht aufstehen. Er war vor meiner Ankunft heftig gestürzt und plagte sich mit den Schmerzen und der Erinnerung an den Sturz herum. Er hatte Angst und ich keine Chance. Also durfte ich mit meinem gebrochenen Spanisch den Notruf anfunken. Bisher war mein Vokabular eher ausgerichtet auf „Ein Bier bitte noch“, Wo geht’s hier zum Strand“ und „Kann ich auch mit Kreditkarte zahlen“?  Damit kam ich nicht weit.

Nach langem hin und her waren dann der übermüdete Sohn und Rettungskräfte endlich da.

Ein 85-Jähriger hatte sich von Schmerztabletten völlig benebelt und hirndurchweicht vom Boden seines Schlafzimmers zum Boden meines Zimmers hervorgerobbt und lag da wie ein zusammengekauertes Kind. „Da liegen 85 Jahre Leben“, dachte ich. Ein Leben mit Geschichten, mit Liebe, mit Sex, mit Reisen. Jetzt liegt ein ängstliches Häufchen da und bekommt schlichtweg nichts mehr auf die Reihe. Und alles um ihn herum: Sohn, Ärzte und ich wollten nur eins: Aus dieser Nummer einfach nur raus.

Und ich war jetzt mittendrin.