„Ich habe ihm die Courage abgeknöpft“

Sie saß ganz still in ihrem Rollstuhl während sie aus dem Fenster sah. Dabei wirkte sie wie eine zierliche Pflanze, die es gewohnt ist, nicht sonderlich im Mittelpunkt zu stehen. Als wir den Aufenthaltsraum des Altenzentrums betraten, wies sie als erstes auf ihre Umhängetasche hin: „Man muss immer Taschentücher dabeihaben, das ist das allerwichtigste.“ Ilse Klaus ist keineswegs eine von den  prominenten Mainzer Persönlichkeiten, die normalerweise in Zeitungen portraitiert werden. Soviel schon mal vorweg.

Im Grunde könnte man aufhören, ihre Geschichte zu erzählen, bevor man damit angefangen hat. Aber das wäre schade. Weil Ilse Klaus ein Stück Zeitgeschichte ist. Ein Stück Geschichte, an dem wir täglich vorbeigehen und aus Angst vor dem Alt sein aus unserer Wahrnehmung ausblenden. Deswegen erzählen wir heute kurz die Geschichte von Ilse Klaus.  Einfach so. Sie ist 89 Jahre alt, lebt gut versorgt im Altenzentrum in Mainz und macht ansonsten einen ziemlich klaren Eindruck.

Ein echtes Neustadtkid

Geboren ist Ilse Klaus als Ilse Czeeh am 21. September 1927 in der „Accouchement“,  einer Geburtsklinik in der Hafenstraße – ein echtes Neustadtkid sozusagen. Und im Gesprächsverlauf zeigt sich rasch, wo bei ihr schon immer der Hammer hing: In Mainz. „Ich bin durch und durch Meenzer“.   Die Gespräche mit ihr sind Gespräche mit Wortwitz und Liebe zur Mainzer Mundart.  Wir tanzen mit ihr in einer Sprachwelt, die uns schon so lange so fern ist: Mit  „Chaiselongue, Chaussee und Tusnelda“.  „Ei kennt Ihr diese Wörter nicht? Des gibt’s doch gar net“, und lacht dabei herzlich laut, als sie uns bei unseren unbeholfenen Versuchen, der rheinhessischen Sprachmelodie zu folgen, ertappt.

Doch dann plötzlich kommt der Bruch. Auf die Frage, ob sie ein Fotoalbum hat, gibt es nur eine Antwort. „Es gibt keine Bilder. Der 27.Februar hat uns alles genommen, was wir haben.“

Jetzt wird aus der alten Pflanze ein Geschichtsbuch

Der Hauptangriff auf Mainz 1945 ist ihr präsent. Jeden Tag. Man merkt es an der Klarheit in ihren eisblauen Augen, mit der sie jenen Tag schildert. „Als der Alarm losging bin ich ganz alleine in den Luftschutzbunker zur Zitadelle geflohen. Ich musste betteln und flehen, damit sie mich reinlassen, weil meine Oma drin war. Ich flehte den Pförtner an: Lasst mich zu meiner Oma, meine Oma ist drin. In letzter Minute kam ich rein. Wäre ich in Neubrunnenkeller gegangen, hätte ich es nicht geschafft. Allen, die dort waren, sind beim Angriff die Lungen geplatzt. Meine Mutter und meine Tante waren im Neubrunnenkeller.“

Geplatzte Lungen passen heute nicht in unser Leben, das aus Fairtrade-Limo und Jutetaschen besteht. Sie lebt mit ihren Erinnerungen –  jeden Tag. „Die Stadt war völlig zerstört. Wir sind alle später den Rhein runter. Wir wussten: Dort waren wir sicher. Während der Flucht ist mein Brüderchen fast verbrannt, weil sein Mantel Feuer fing.“ Ilses Brüderchen überlebte den Angriff. Er starb dieses Jahr.

Der Krieg ist ein fester Pflock in ihrem Leben. Bei vielen Erzählungen verschwimmen Ilses Zeitgrenzen, die Daten, Zahlen, Fakten. Die Brutalität des Krieges erlaubt ihr diesen Luxus nicht. Sie durchlebt den Angriff jedes Mal, wenn sie davon redet.

So wird das Treffen mit ihr zu einem Ausflug in eine fast vergessene Welt. Eine Welt, in der das Lebensmittellager Brandt geplündert wurde, weil die Mainzer Hunger und Not erleiden mussten. Eine Welt, in der Ilse nach dem Angriff mit vier anderen in „Küche und einer Stub“ gehaust hat.

Und dann mitten im Gespräch wieder der Bruch: Sie beendet ihre Geschichte vom Hauptangriff – ein Schieber, den sie wahrscheinlich zum Selbstschutz einsetzt.

Plötzlich finden wir uns im Lebensmittelgeschäft Pusch in der Kaiserstraße wieder. „Pusch: Preise prüfen“, lacht sie. Dort hat sie das Handwerk der Verkäuferin gelernt. Mit Ilse sind wir auf einer Zeitreise in das Mainz der 40er und 50er Jahre. Als die Baentschstraße noch Mombacher Straße hieß, wo sie mit ihrem Mann Karlheinz 60 Jahre lang lebte. Als sie mit ihrer Mutter das Mainzer Journal in der Kapuzinerstraße und Dagobertstraße austrug und als sie als junges Mädchen zur Neutorschule ging.  Ihr späterer Mann Karlheinz ging zur Eisgrubschule – eine Jungenschule.  Geheiratet haben sie 1950. Auch eine Jahreszahl, die wie ein Fels in ihrer Erinnerungsbrandung steht. „Über 60 Jahre waren wir verheiratet.“ Eine Jahreszahl, die uns staunen lässt und natürlich wollen wir das Geheimnis erfahren.

Ich bin Frau Klaus!

Am Haken hatte sie Karlheinz an der Straßenbahnhaltestelle Kaiserstraße mit einer Raucherkarte. Sie fand „er war ein ganz schönes Kerlchen“ und damit waren sie ein Paar. „Ich hab dem Karlheinz von Anfang an die Courage abgeknöpft. Hab ihm kurz vor der Heirat gesagt: Ich bin Frau Klaus. Alle anderen Frauen sind ab sofort tabu. Wann´s der net gefällt,  kannst der de Stecke dazu stelle“ und lacht dabei mit einer Festigkeit, die uns staunen lässt.  Kinder hatten sie keine, dafür aber Herz und Energie, um sieben Pflegekinder großzuziehen. „Ich muss schaffe, also hatte ich immer Pflegekinder. Mein treustes ist die Manuela. Sie lebt jetzt in Texas und hat mir einen Enkel geschenkt. Die Manuela ruft mich jeden Tag zwei Mal an – aus Texas. “

Es gibt den Menschen Ilse jenseits der Erinnerungen an Krieg und Not, das ist schnell klar. Sie ist ein Sprachtalent und liebt Musik – vor allem das Singen. „Mein Vater war Sänger im Gesangsverein Frauenlob. Wir haben viel gesungen – von ihm hab ich das gelernt.“ Ilses Ansprüche sind auch beim Gesangskreis in der Seniorenresidenz hoch: „Wenn die alle wenigstens Textsicher wären“, und verrollt dabei die Augen.

Im Laufe des Gesprächs fangen Ilses Erzählungen an, sich wiederholen und sie wird allmählich müde. Zeit für uns, zu gehen. Inzwischen wirkt sie in ihrem Rollstuhl, wie eine Pflanze, die gerade gegossen wurde. Die neuartige Aufmerksamkeit tat ihr gut. Sie rührt uns. Und einen Satz bekommen wir zum Abschied geschenkt. Ein Satz, die der schreibenden Zunft ziemlich guttut: „Mein Chef hat immer gesagt: Wer schreibt, der bleibt“.

Machen wir.

 

Der Text erschien in redigierter Fassung im Mainzer Magazin „Der Sensor“

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Asche auf mein Haupt

Mein Blog verwaist. Ich schäme mich. Aber es hat einen Grund. Durch das Blog (ja laut Duden heisst es auch das Blog, klingt trotzdem scheisse finde ich) kam ich tatsächlich dazu, für lokale Blättchen zu schreiben. Das Schreiben ging also weiter…nur hier halt nicht sichtbar.

Deswegen, liebe Follower, möchte ich Euch meine Texte nicht vorenthalten.

Heute ist Ilse Claus dran.

Des Volkes wahrer Himmel

Meine Vergangenheit war ziemlich schwer. Sie passte in ganze zwei Baumwolltaschen rein und ich wollte sie so schnell wie möglich aus meiner Wohnung raus haben. Es waren Bücher, die sich im Laufe der Zeit in mein Expedit-Regal eingenistet und sich als Staubfänger breitgemacht hatten – teils ungelesen, teils gelesen und zuletzt lieblos gestapelt.

Auf dem Spielplatz in der Nähe meiner Wohnung gibt es einen für mich nahezu heiligen Ort, der mich immer wieder magisch anzieht. Es ist fast so, als gäbe es ein unsichtbares Band zwischen uns. Zu jenem heiligen Ort pilgerte ich nun, um mich von meiner Vergangenheit zu befreien: zur Bücherbox. Ich hatte allen Grund dazu, das ganze so unauffällig wie möglich zu tun. Meine Baumwolltaschen waren voll von peinlichen Lebens-Ratgebern und mittelklassiger Belletristik.

Als ich in Frieden eingehüllt zu meinem Bücheraltar schritt, wurde ich schnell in meiner Vorfreude ausgebremst: Es stand ein Fremder davor. Ich war mir sicher, dass dieser Mensch bald wieder verschwinden wird und dachte mir nichts dabei.

Ich sollte mich irren.

Wie besessen wühlte und sortierte er sich in der Box um den Verstand. Er steckte mit seinem Kopf, der elegant von grauen und verfilzten Haaren umspielt war, regelrecht im Regal drin. Dabei schob er höchst engagiert Bücher von links nach rechts, zog welche,  die darüber lagen wieder raus, legte sie wieder irgendwo anders hin – beim Zusehen wurde man schier wahnsinnig. Und er schien jemand zu sein, der in seinem Zottelkopf, nun ja…nicht ganz feinjustiert war.

Dann kam ich in sein Revier dazu. Das schmeckte ihm überhaupt nicht.

Ich sah mir das Treiben weitere dreißig Sekunden an. Genauso viel Geduld hatte ich nämlich noch für das wundersame Wesen übrig und fragte ihn mit entschlossener Freundlichkeit, ob ich jetzt auch mal ran dürfe.  Er war sichtlich not amused und gab mir zu verstehen, wo ich gefälligst meine Bücher hinzustellen hatte.

Jetzt war er in meinem Revier. Das schmeckte mir nicht.

„Haben Sie einen Auftrag oder was soll das hier?“, fragte ich ihn.

„Nein es ist eben wichtig, dass das Buch hier steht und jenes Buch dort und überhaupt achten sie bitte auf die ganzen Kinderbücher. Machen sie das bitte ordentlich“, dozierte Zottel-Depp.  Er hatte sichtlich einen an der Marmel.

„Sie gehen mir hier gerade unwahrscheinlich auf den Geist. Das wird mir hier jetzt echt zu blöd. Ich gehe jetzt zur nächsten Bücherbox“, gab ich ihm entnervt zu verstehen.

Dabei fragte ich mich, wie wir für Außenstehende von der Ferne ausgesehen haben müssen. Wahrscheinlich wie zwei Fremde, die sich an der intellektuellen Begegnungsstätte ihres Kiezes unterhalten, während sie sich von ihren liebsten Stücken trennen.  Sie sehen sich und teilen mit Wohlwollen ihre gemeinsame Leidenschaft für schöne Worte. Womöglich streiten sie sich gar darüber ob nun das Bewusstsein das Sein oder das Sein das Bewusstsein bestimmt oder ob Murakami und Roth tatsächlich den Nobelpreis verdienten. Sogar Goethes Osterspaziergang kommt zum Einsatz: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel“.

„Du dumme Fotze“

…rief er mir zu als ich mich mit meinen schweren Taschen zur nächsten Box aufraffte.  Mir war völlig klar, dass in unserem Drehbuch nicht die große Lovestory vorgesehen war, aber mit der Szene hatte ich nicht gerechnet.

Mir fiel baff nur eine Antwort ein, die ich ihm beim davongehen über meine rechte Schulter hinhauchte: „So etwas sagt man nicht“.

Im Laufe meines Marsches zur nächsten Schund-Abladestation war ich plötzlich unsicher, ob ich mich nicht hätte stärker wehren und ihm mal eine gepflegt eine Szene machen sollen. Ich dachte über Widerstand nach und ob er nicht manchmal notwendig ist.

Plötzlich hörte ich rechts von mir etwas anrollen. Es war Zottel-Depp auf seinem Zottel-Fahrrad. Er erreichte meine Höhe und legte nach: „Es tut mir leid, so etwas hätte ich nicht sagen sollen. Das war totale Scheiße von mir. Ich bin zurzeit etwas im Stress.“

Bäm.

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an“, sagte ich ihm. Wir waren wie zwei Kindergartenkinder, die sich noch vor einer halben Stunde mit Schäufelchen Sand ins Gesicht geworfen hatten und danach einander reumütig die Hände reichten.“

Zottel-Typ fuhr davon und ich lud widerstandslos meinen Schund an der nächsten Box ab. Ich kam nicht mit neuen Büchern zurück aber irgendwie doch mit einer neuen Geschichte.  So ist es immer mit Bücherboxen: Widerstand ist einfach zwecklos.

Die Madame

Als ich mich durch die ersten Stunden des Tages hetzte, bemerkte ich, dass ich noch keinen Kaffee getrunken hatte.

Ein Fehler, wie sich morgens um sieben am Schalter der Kundenberatungsstelle der Verkehrsbetriebe rausstellen sollte. Ich war mit meinem Rennrad in der Stadt unterwegs. Ich konnte es aus vielerlei Gründen nicht vor dem Gebäude abstellen. Zum einen, weil die Stadt voll von Kreaturen ist, die das Eigentum anderer nicht achten. Zum anderen, weil mein Bike einfach toll ist. Das lasse ich nicht aus den Augen, so wie ein alternder Mann seine jüngere Flamme nicht aus den Augen lässt.

Hier kommt die Madame ins Spiel. Sie war keine Flamme.

Hochkonzentriert und verschwitzt saß sie hinter ihrem Schalter und sprach mit einem Kunden. Kaum sah sie mich mit dem Rad, hievte sie sich aus dem Stuhl, hob ihren Arm mit der Eleganz eines Stadionsprechers und teilte mir sachkundig mit, dass ich das Rad aus „Sischärhaidsgründen“ draußen abzustellen habe. Ihr halb blondiertes, halb dauergewelltes Haar, wehte pathetisch im Raum.

Ich zögerte nicht. Das Kommunikationspetting habe ich mir und anderen erspart. Ich machte keinerlei Anstalten, mit meinem Wutausbruch zu warten. Ohne zu zögern, rastete ich sofort aus. Mitten im Raum. Fremde Menschen vor mir, Schulkinder hinter mir, die von der Klimaanlage verseuchte Raumluft über mir. Während meines Ausbruchs sah ich in sehr vertraute Augen. Augen eines ratlosen Publikums, das diesen plötzlichen Wutausbruchs nicht verstand. Diese Augen kenne ich schon lange. Die machen mit mir schon lange nichts mehr. Ich brüllte die Madame ungebremst an.

Das sie mir gefälligst das Leben jetzt nicht schwer machen solle. Dass sie mich einfach nur hier rein und rausgehen lassen soll. Dass mein Zug gleich fährt.

Ihrem Gesichtsausdruck nach hatte sie mit so einer Reaktion morgens um sieben keineswegs gerechnet. Dann tat sie das, was viele im Job durchschnittlich geforderten aber vom Leben überforderten Menschen taten: Sie sah flehend zu ihrem Kollegen hinüber.

„Und sie mache uns des Leybe schwär“. Bäm. Die Worte des Mannes hingen schwer im Raum wie die Rauchschwaden seiner Stammkneipe. Was sollte ich dazu sagen? Er hatte Recht. Ich aber auch, denn ich hatte weder Zeit noch Nerv für diese Art von bürokratischem Gehorsam hinter dem Schalter des Service-Grauens. Mein Handy war verschwunden und es muss im Korb eines der Mieträder gelegen haben. Mein Zug fuhr gleich. Ich hatte einen Termin. Und mir war bewusst, dass ich mit meinem Rennrad weniger Raum einnehme als so manch Mutter mit ihrem Kinderwagen. War ihnen egal. Beide Wesen hatten ihre Vorschriften und sie führten ihren Auftrag fein säuberlich  wie einen chirurgischen Schnitt aus.

Ich trat an den Schalter heran. Der Machtbereich der Madame. Ich hörte schon ihre Trommeln wirbeln. Sie wartete wie ein Elefant im Zirkus auf ihren Auftritt. „Sie müsse des Rad aus Sischäääheidsgründen draußen lassen“, dozierte das Geschöpf nochmals. Ich erklärte ihr, dass ich in fünf Minuten weg sei, dass ich mein Handy verloren habe – mein Leid sprudelte nur so aus mir heraus. Während mein Leid wie ein Schokoladenbrunnen vor sich hin quoll, dachte ich: Nun versteht sie mich. Schließlich ist sie Mensch. Ein Wesen, das jetzt der Auflösung zusieht wie einem Film und nun über all das wohlwollend  schmunzeln kann. Davon ging ich aus.

Das war ein Fehler.

Sie sah wieder durchschnittlich zu ihrem Kollegen hinüber. Ob er ein Handy gesehen habe.

Miststück.

„Nein, hier wurde keines abgegeben“, antwortete der graue Star.

Den Duft der Genugtuung sogen sie in sich auf wie hungrige Vampire das Blut von Jungfrauen. Der von Tabak zerfressene Mann sah mich zufrieden an.

Ich sagte ihnen, dass das Ihnen jetzt sicherlich runter gehe wie Öl.

Madame bekam jetzt so richtig Auftrieb. „Sie waaaare abbä auch unnfräundlischsch“.

Das war zu viel. Ich stand an der Tür, brüllte in den Raum und sprach die Worte aus, die ein hilfloser Mensch ausspricht, wenn er sich schlecht behandelt fühlt. „Ich wünsche Ihnen einen richtig beschissenen Tag. Ich meine so richtig scheiße. So richtig, richtig scheiße!“ Ich brüllte die Worte aus mit der Selbstsicherheit einer mittelalterlichen Hexe, die wusste, dass jener Fluch eintritt. Ich hatte die Macht. Eine Macht die sie nicht greifen und nicht beweisen konnten – so fühlte sich das  an.

Was ich in den Augen der Madame sah, überraschte mich.

Ich sah Angst. Ich sah tiefsitzende, nackte Angst. Sie glaubte mir. Ich muss also glaubwürdig gewesen sein. Sie hatte jetzt wirklich Angst vor dem was ihr an dem Tag blühen könnte.

Ich hingegen blühte auf. Der Tag war großartig –  von Herzen großartig. Und der Kaffee schmeckte danach richtig gut.

Die vom Dom


Es gab einen Vorboten.

Wie aus dem Nichts tauchte er im Sommer vor meiner Spanien-Reise auf  und verschwand dann wieder.

Marktsamstag. Mainzer Dom. Die Marktstände waren umgarnt von Menschen und Sonnenanbetern.  An den Weinständen tummelten sich Hipster und  Alteingesessene Seite an Seite. Ich saß auf einer Bank am Fuße des Doms und sah, während mich die Sonne kitzelte, dem Treiben zu.

Ein hochbetagter Herr mit Gehstock kämpfte sich durch die Menschenmenge und setzte sich ächzend dazu.  Auch er ließ sich von der Sonne kitzeln. Von mir nahm er keinerlei Notiz, ich aber von ihm. Ich war in Riesling Laune, was in Mainz nichts Unübliches ist. Das Marktfrühstück am Samstag schenkt denen, die schon vormittags Wein trinken wollen, dafür die Absolution.

„Wollen Sie mit mir Einen trinken?“ Der Satz kam einfach so raus. Ich konnte ihn gar nicht aufhalten. Er huschte mir davon und verschwand in das Territorium des Herrn.  Es schien, als gäbe es eine telepathische Verbindung zwischen uns. Ich wusste einfach, dass er was trinken wollte aber sich nicht zu den Weinständen quälen konnte. Auf meine Frage reagierte er sofort: Er sparte sich jegliches Small Talk – Geplänkel und packte direkt seine Geldbörse aus. Bei unserem ersten Wortwechsel verstanden wir uns also nahezu ohne Worte.

Bei Riesling und Weißburgunder erzählte er dann seine Geschichte, die mit Gehstock und Franzbrandwein nichts zu tun hatte. Sie hatte vielmehr damit zu tun, wie er als Kameramann und Flugpilot die Welt erlebte. Es folgten Geschichten von Verhaftungen durch türkische Polizisten, von Helikopter -Flügen und von Dokumentationen, die er gedreht hatte. Aus dem gebrechlichen Mann wurde ein Mensch mit einer felsenfesten Geschichte.

Der zweite Wein folgte und wir tauschten Telefonnummern aus. Zudem lud er mich zu seiner Feier anlässlich seines 83sten Geburtstages ein. Wir verabschiedeten uns nach dem Marktfrühstück-Intermezzo voneinander und jeder ging seines Weges. Die Einladung nahm ich nicht wirklich ernst. Aber der Termin stand fest.

Sein Geburtstag nahte und ich war mir nicht sicher, ob dieser Termin echt war. Ich rief ihn an. Nach langem Klingeln nahm er den Hörer ab. Der Geburtstag sei abgesagt worden, es gäbe Terminprobleme  aber wir könnten uns doch treffen. Ich war, um ehrlich zu sein, einfach nur neugierig. Also ging ich wenige Stunden später zum verabredeten Cafè.

Er war schon da und wirkte wie jemand, der schon länger wartet. Und er wirkte wie jemand, der sich darauf freute, seine Geschichte einem Menschen erzählen zu dürfen, der ihn nicht kennt. Also erzählte er seine Geschichten, die zugegeben, sich nicht sonderlich von denen des Marktsamstages unterschieden. Nach etwas mehr als einer Stunde moderierte ich das Treffen höflich und routiniert ab, um meinen Heimweg anzutreten. Er brach dann auch auf und wohnte selbst nicht weit von dem Café.

Plötzlich kam ein Mann auf uns zu.

„Papa, wo bist Du denn, alle warten auf dich.“ Mir klappte die Kinnlade runter, der Opa stammelte irgendwas und stellte mich seinem Sohn als  „Die vom Dom“ vor.

Das fragende Lächeln des Sohnes  formierte sich zu einem: „Ah, Sie sind das. Von Ihnen habe ich schon gehört“. Dabei formierte sich sein Blick weiter zu einem besorgten Fragenkatalog, den ich nicht beantworten konnte.

Die Familie feierte den Geburtstag und der Opa hatte sie alle gepflegt versetzt – ich war der Grund. Der Sohn entschied, mich zu der Feier mitzunehmen. Er hatte Humor.

Das schrägste an der Geburtstags-Runde  war der Gang zum Tisch, an dem die Familie saß. Mich sahen nur fragende Gesichter an und ich fühlte mich, als müsste ich im Bikini die Tagesschau moderieren. Für mich stand dort fest: Der einzige Weg hier raus war der Weg durch.

Die Tochter fand mich so richtig scheiße.

Ich meine so richtig scheiße. Über ihrem Kopf formierte sich die dicke Luft zu einem einzigen Wort: Erbschleicherin! Ich war ihrem Hass schutzlos ausgeliefert. Der Sohn schien Spaß an ihrer nackten Angst ums Familien-Erbe zu haben. Befeuert wurde der Hass durch überflüssige Kommentare des Opas: „Ja Elif, Sie gehören jetzt zur Familie, Sie werden jetzt mitgezählt.“

All meine Versuche, mich unsichtbar zu machen, schlugen fehl.

Nach etwa zwei Stunden war der Spuk vorbei. Die Tochter war so semifreundlich und fuhr ihren Vater und mich sehr sehr schnell heim. Ich hatte kurz die Befürchtung, dass sie mich aus dem fahrenden Porsche Cayenne rauswerfen wird, aber meine Sorge verflüchtigte sich so schnell wie der verbrauchte Sprit für die Fahrt.

Zu Hause schenkte ich mir erst mal einen Riesling  ein. Auf diesen Riesling, da war ich mir sicher, sollten keine weiteren Geschichten folgen.

Mario Vargas Llosa


Ich habe wahrscheinlich gegen ein Naturgesetz verstoßen. Wenn bei irgendwem in letzter Zeit aus dem Nichts plötzlich ein Sack Reis umgefallen war: Das war ich, Verzeihung.

Ein 38-jähriger Mensch kann nicht mit einem 85-jährigen Mann wohnen. Ich war nach vier Wochen mehr oder weniger durch. Ich fühlte mich am Ende wie ein Hefeteig, der in einem Schuhkarton aufgeht.

Es lag nicht an der Aufgabe. Was mich vielmehr fertig machte, war mein Lebens- und Arbeitstempo. Ich musste mich seinem Tempo anpassen – und das war nicht meins. So langsam zu sein, steht nicht in meinem Drehbuch. Zudem lebte ich in Altenhausen. Dort rollen auf dem Asphalt ausschließlich Rentner-Longboards. Der Ort bestand gefühlt nur aus Arztpraxen. Wenn nicht gerade Krankenwagen Zeit und Raum verprellten, waren es Leichenwagen, die sich meinem Sichtfeld aufdrängten. Krankheiten und Tod dekorierten meinen Alltag.

Mein ganzheitliches Hefeteig-Ganzkörper-Gefühl wurde zudem durch den Umstand beflügelt, dass sich inzwischen auch unsere Hirne eingeschwungen hatten. Auserwählte Paare dürften das ja in Reinform kennen: die  Sätze des anderen vervollständigen oder nur noch in der Wir-Form reden, als hätte es noch nie ein Ich gegeben. So schlimm war es bei uns noch nicht. Aber dennoch übernahm jeder unweigerlich eine Nuance vom anderen.

Mein Hirn wurde phasenweise matschig und ich bekam Wortfindungsstörungen.

Er fing manchmal aus dem Nichts an, laut zu singen und schlaksig zu tanzen. Als er mich beim ersten Mal dabei erwischte, zeigte er mir noch den Vogel. Der demente Mann sah mich glasklar an und zeigte mir den Vogel. Dass ich durchaus eine Irre sein kann, erkannte er bei unserem ersten gemeinsamen Fernsehabend. Unser tägliches Highlight war die Sendung ¡Ahora Caigo! Es gibt ein deutsches Äquivalent: Ab durch die Mitte auf Sat.1: Kandidaten, die auf Falltüren stehen, fallen runter, wenn sie die Antwort nicht kennen.

Bei Gameshows bin ich ein Arschloch. Ich schreie meistens die Antwort in den Fernseher, wenn die Kandidaten auf dem Schlauch stehen. Und so stand unser erster Fernsehabend im Zeichen des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Ich meine, diese Antwort war echt idiotensicher. Die dumme Kuh wollte sie einfach nicht aussprechen. Und so tat ich das, was jeder normal gebildete Mensch tut, wenn er die Dummheit des anderen nicht erträgt. Die Antwort  immer wieder in den Fernseher reinbrüllen. Immer wieder: Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa.

Der Opa starrte mich mit offenem Mund an.

Nach einer Woche hatte er sich schon an meine Anfälle gewöhnt und strich mir jedes Mal, wenn ich meinen ¡Ahora ich Kotze!- Moment hatte, sanft über den Kopf.

Der gepflegte Gaga-Faktor war ein wichtiger  Bestand-Teil unseres Umgangs. Wenn wir im Aufzug beide die Stille nicht ertrugen, fingen wir zeitgleich an, zu singen und zu wippen. Einmal, ließ ich in der Küche auf dem IPad das Manamana-Lied der Muppett Show laufen.  Er packte mich sofort am Arm und tanzte los: Er wartete  keine fünf Sekunden damit. Und so standen wir ungleichen Geschöpfe in der Küche und tanzten zu diesem genialen Stück – einfach so. Deutsch konnte ich ihm nie wirklich beibringen, aber ein Wort sprach er am Ende des Songs glasklar aus.

Ach, wie schön klang sein Manamana.

Sollen doch Eure Reissäcke ruhig weiter umfallen. Ist mir egal.

Champions League

Seine Arme waren weich wie Wackel-Pudding.

Da war überhaupt keine Spannung mehr und seine von Altersflecken übersäte Haut war dünn wie Pergamentpapier. Seine Arme hatten viel geleistet aber sie hatten im Laufe der Zeit immer weniger zu melden. Inzwischen hatten sie nichts mehr zu stemmen –  Nur noch ab und zu ausstrecken, wenn Ärzte es ihm befahlen.

Als das Gerät bei der Blutdruckmessung anfing zu brummen, die Manschette am Arm sich aufbäumte und die Zeit von der Messung angehalten wurde, kam mir das Alles vor wie das reinste Kasperletheater. Diese Untersuchung war nichts als Seniorenbespaßung, damit die Alten nicht auf die Barrikaden gehen und irgendwann aus der Reihe tanzen. Solche Rituale gehören anscheinend zur natürlichen Ordnung der Seniorenwelt: Sie geben den Puddingarmen Halt, Ordnung, etwas menschliche Nähe – und den Kassen Dinero.

Ich hatte in dem Versorgungs-Gefüge die geringste Last zu tragen. Ich war kurz da und hatte von allen den leichtesten Job.  Jedes Mitglied der Versorgungsmaschinerie behandelte den Opa wie ein Problem, das mit aller Kraft am Laufen gehalten werden muss. Auch für seine Kinder war er ein To-Do auf der Liste. Und jeder suchte sobald er mit dem Opa in einem Raum war, nur noch eins: das Weite. Keiner befasste sich länger mit ihm als er musste. Wahrscheinlich war er die Flucht längst gewohnt. Dabei war er immer ganz gelöst, wenn er mit geliebten Menschen sprach: bei Telefonaten mit der Schwester, mit dem Sohn oder gar bei Gesprächen auf der Straße mit alten Bekannten. 

Ich hatte zum Glück kein Bild von ihm im Kopf. Kein Bild davon, wie er früher war: als Vater, toller Opa oder Chef. Für mich war er der Opa, der Banane im Kopf ist und das Tanzen liebt. Er hatte auch kein Bild von mir. Ich war einfach da. Ihn interessierte nicht im geringsten, was ich im echten Leben mache. So hatten wir zusammen etwas, was uns in die Champions League der menschlichen Beziehungen befördert hat: voneinander keinerlei Erwartungen. Null. Nada.

Und damit hatten wir zeitweise richtig Spaß.

Der Opa war ein Job. Ein Job, der mir hilft, günstig in Spanien zu leben und die Sprache zu lernen. Womit ich hier nicht gerechnet hatte: Dass ich es mit dem Alter zu tun haben werde. Ich habe dieses Thema bisher mit chirurgischer Präzision sauber aus meinem Leben rausgehalten und einfach gnadenlos aus meinem Umfeld ausgeschlossen. Zwischen Hipster-Läden, die in meinem Viertel das Handlettering feiern, Stammkneipen, die diesen Trend wieder wegspülen und wöchentlichem Crossfit tauchte das Thema Alter glücklicherweise nie auf.

Jetzt ist es da.