Gaga-Land

Als die Schildkröte plötzlich weg war, ahnte ich, dass es der Opa langsam damit anfing, aufzuhören.

Die Schildkröte war unsere Mitbewohnerin und seine Gefährtin. Sie hieß einfach nur Tortuga, was Schildkröte bedeutet.  Der Opa lachte mich immer aus, weil ich das R von Tortuga nicht rollen konnte.

Es gab einige Bilder, die ich im Laufe meines Lebens gesehen habe, und die sich für immer in mein Hirn eingenistet haben. Da wären zum Beispiel Bilder einer Abschiedszeremonie anlässlich der dauerhaften Schließung einer Frittenbude an der Bundesstraße 41 in einem 5.000 Seelen-Kaff in Rheinhessen. Diese Zeremonie fand tatsächlich statt: mit Abschiedsreden, Sonntagskleidung und Sekt. Dann wäre der Anblick einer niemals zuvor gesehenen Stichflamme, die entsteht, wenn man zwei Liter Benzin in einen Bottich kippt und den wiederum in ein Lagerfeuer rein stellt. Und als meine vom Krebs gezeichnete Oma einen ausgewachsenen toten Hai durch die Gassen Istanbuls trug und laut schimpfte, weil wir ihn vorher vom Angeln als Trophäe angeschleppt hatten.

Zu diesen Bildern gesellt sich nun ein neues Bild: Es ist das Bild eines dementen 85-jährigen Mannes, der mit aller Kraft eine zappelnde Schildkröte durch seine Wohnung trägt. Tortuga flüchtete immer wieder  – zu Recht – aus dem Wassertrog, den der Opa ihr liebevoll im Bad bereitet hatte. Wieso er im Wasser schwimmen musste, weiß ich nicht. Ich kenne mich mit Tortugas null aus. Aber es war offensichtlich, dass das Ganze für Tortuga eine Tortur war. Es war ihr einfach irgendwann zu viel Wasser.

Nun klingt „dement“ wie etwas, was man als alter Mensch eben hat. Aber was es tatsächlich bedeutet, habe ich erst verstanden, als ich Demenz mitbekommen habe. Von einem Moment zum nächsten wurde aus einem erwachsenen Mann, der spazieren ging und Gedichte vortrug, jemand, der plötzlich im Schu-schu-Gaga-Land taumelt und nichts mehr hinbekommt.

Nichts mehr hinbekommen klingt harmlos. Jeder, der mal umgekippt ist oder aus einer Narkose aufgewacht ist, kennt das: die ersten Sekunden, in denen man überhaupt nicht kapiert was los ist – wie man heißt, wo man ist und was gerade passiert ist. So ging es dem Opa – über Stunden. Manchmal benahm er sich wie jemand, der gerade schläft und träumt. Wir Normalos können zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her switchen – Bei ihm fehlt dieser Schieber im Hirn einfach. Er erzählt in den schillerndsten Farben detailliert Szenen aus seiner Vergangenheit – und bleibt dort einfach kleben. Er erlebt das alles komplett noch mal. Nach seinem Flashback steht er dann in seiner Küche und wühlt in seinen Unterlagen herum, ohne zu wissen, wieso er das tut. Wie ein Schlafender tappt er durch sein eigenes Leben und greift in seinem Fotoalbum nach Bildern, die einfach nicht mehr da sind.

Dass er gerade Zwangsurlaub im Schuschu-Gaga-Land macht, äußerte sich zum Beispiel auch darin, dass er frisch rasiert, angezogen und rausgeputzt morgens um halb fünf in meinem Zimmer stand. Er wollte spazieren gehen und auch mal jetzt wissen, wie es um irgendeinen scheiß Arzttermin steht.  Der Alte machte nicht mal das Licht in meinem Zimmer an. Tür auf und ab laut raus mit dem, was ihm so durch den Kopf waberte. Ich saß senkrecht im Bett mit einem Puls von gefühlten 250.

Schlimm waren die Momente, in denen er sich seines Zustandes und seiner Machtlosigkeit bewusst wurde. Und so schöpfte er beim „Mir-total-auf-den-Zeiger-gehen“ auch aus dem Vollen, das sein Ego zu bieten hatte: mit mir das Äffchen machen, über Stunden irgendwelche Unterlagen suchen, die Möbel in der Wohnung nachts um drei verrücken oder die Einnahme seiner Medikamente verweigern.

Und dieser Mensch schaffte es, sich über Jahre um sein geliebtes Tier zu kümmern. Tortuga holte den Opa aus seinem Gaga-Land raus.

Irgendwann nicht mehr. Der Sohn nahm das Tier mit nach Hause. Tortuga war für immer weg.

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Alte Hasen – Junges Gemüse

Es gibt für alles ein erstes Mal.

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die persönlichen Lebens-Premieren immer weniger werden. Im Grunde habe ich mit dem Thema Premieren auch fast abgeschlossen. So viele Lektionen sind gelernt, so viele Momente abgelebt. Wo soll da noch was kommen?

Es kam was.

Es war unser erster gemeinsamer Sonntag, der in dieser Variante zugleich unser einziger Sonntag werden sollte. Mein Dienst hatte um 16:30 Uhr begonnen – das ist die Vereinbarung. Es war der Tag vor der Empanada-Kotzerei. Ich tippelte pünktlich und schüchtern in sein TV-Zimmer. Es war ein sonniger Tag, das Licht strahlte in den muffigen Raum und versprach Leben. Der Opa war an diesem Tag noch munter. Ob wir mal ein „Dar un paseo“, also einen Spaziergang machen wollten. Dar un paseo ist Teil meines Jobs.

Noch ahnte ich nichts.

Wir gingen los. So recht wussten wir noch nicht, was wir miteinander anfangen sollten. Unbeholfen gingen wir nebeneinander her wie zwei zwangsverheiratete junge Menschen.

Es war ein herrlicher Rentnertag. Die Stare kackten in Schwärmen auf die Menschheit, die Rollatoren glitten wie Eisprinzessinnen über den Asphalt und im Park nervten nur die vorzeigbaren Enkelchen.

Er ging zielstrebig auf das Haus zu, das im Park liegt. Dort, so seine Versprechung – gäbe es Kaffee. Mit Kaffee kriegt man mich immer. Das hatte der Opa schon geschnallt. Im Foyer des Gebäudes standen etwa 80 Rentner. Mein Schicksal war mit dem Eintreten besiegelt. Noch ehe ich mich versah, zog mich der Opa mit seinem Gehstock auf die Tanzfläche und tanzte mit mir. Eine Kapelle, die diesen Job offensichtlich dringend brauchte, beschallte den Raum mit gefühlten 120 Dezibel. Zwei Mittvierzigerinnen mit strammen Leggins und silbernen Walla Walla-Tops animierten mit Gesang und eigenen Choreografien zur Sonntags-Ekstase.

Ungefähr 300 runzlige Fragezeichen starrten uns, das ziemlich ungleiche Paar, ziemlich gleich hohl an.

Ich war auf einen Tanztee gelockt worden und ich hatte nur einen Job: mit dem Opa tanzen.

Ich war die Attraktion. Wie ein Zirkuspferd führte mich der 85-Jährige der gaffenden Meute vor. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine von den Escort Damen. Ich spülte zwischendurch zwei Bier runter, um mich locker zu machen. Das Bier kostete 80 Cent. Ist nur fair. Nach den Cervezas war alles egal. Ich tanzte zwei Stunden mit dem Opa. Irgendwann tanzte ich auch mit anderen. Darauf kam es ja auch nicht mehr an.

All die Jahre habe ich es geschafft, den Gefahren des Nachtlebens aus dem Weg zu gehen. Ich hatte glücklicherweise noch nie K.O. -Tropfen abbekommen, wurde stets respektvoll behandelt, und bin noch nie irgendwelchen Typen auf den Leim gegangen.

Und wer verarscht mich? Ein 85-Jähriger Mann mit Demenz. Ich kann da nur sagen: Respekt.

Überrascht hat mich, wie munter die Alten waren, als es ums Feiern ging. Da kam bei jedem Einzelnen der Lebens-Kern raus. Der Kern, der mit Thrombosestrümpfen, Blutdrucktabletten und grauem Star nichts zu tun hat. Jeder war da echt, jeder war wieder ein Selbst. Der Opa war in seinem Element, obwohl es ihm eigentlich hätte schlecht gehen müssen mit den vielen Tabletten und Schmerzen. Der Opa liebt nämlich das Tanzen. Noch Tage später erzählte er allen in der Stadt von diesem Tag. Das war es wert.

Jeder im Raum tanzte auf seine Weise, wie es dem eigenen Wesenskern  entsprach: Da waren die sportlich-ehrgeizigen, die es allen zeigen wollten. Da tanzten die kränklichen, die noch mal alle Kräfte zusammen genommen haben und es tanzten die lebenslustigen Menschen, die alles so nehmen wie es kommt. Es scheint einen Kern in jedem von uns zu geben, der für immer unzerstörbar ist. Das kam beim Tanzen raus.

Und noch was: Wer wirklich wissen will, wie man Frauen zur richtigen Zeit anspricht, wie lange man am besten damit wartet, bis man zur Theke schlendert und das Objekt der Begierde bezirzt, der lernt das am besten auf einem Rentner-Tanztee. Vergesst Flirtseminare – geht auf Tanztees!  Die alten Hasen mit ihren Herzschrittmachern beherrschen diese Spiele wirklich im Schlaf.

Naja, einige haben auch geschlafen.

So total anders als auf unseren Partys ging es gar nicht zu.

Empanadas

Während ich seine Kotze wegwischte, dachte ich über Pablo Neruda nach. Genau genommen über den einen Satz: „Dejame que te hable tambien con tu silencio“. Im Zusammenhang mit meinem Ziel, Spanisch zu beherrschen, sah ich mich immer im Lichte des chilenischen Poeten. „Irgendwann“, dachte ich, „werde ich Gedichte von ihm lesen können, werde voller Weisheit den ganzen Kram von ihm kennen und ich trage stets ein ganz edles Exemplar bei mir.“ Im Spanischkurs  – Monate vor meiner Reise in den Norden Spaniens – musste die Gruppe vorlesen. Es war ein Gedicht von Pablo Neruda. Als ich dran war, las ich den Satz vor: „Dejame…“ und überhaupt. Die Lehrerin war überrascht und angetan. Ich hatte meinen tiefsinnigen Neruda-Moment, seitdem klebt die Zeile an meinem Kühlschrank.

Als ich mich für das Work und Travel Programm als Freiwillige angemeldet hatte, stellte ich mir vor, wie der Opa und ich spazieren gehen würden und er liest mir dabei Neruda-Gedichte vor. Ab und zu schaut er bedeutungsschwanger hoch zu den Bäumen, in denen die Sonne durch die Kronen strahlt und er erklärt mir dabei das Leben. Nach den vier Wochen gehe ich geläutert zurück nach Hause und habe den Lebensdurchblick wie was weiß ich der eine Typ bei „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran.“ Ich komme erleuchtet wie Jesus zurück nach Hause  und strahle.

Seine Kotze war leicht bröselig.

Die in der gallertartigen Masse schwimmenden Brösel waren mal Empanadas mit Thunfisch. Die Spanier knallen in alles Thunfisch rein. Wahrscheinlich auch in den Thunfisch.

Der Opa liebt Empanadas. Er freut sich schon drei Tage vorher wie Bolle, wenn er weiß, dass es in drei Tagen Empanadas gibt. Sein Sohn riss sie ihm einmal mitten beim Essen aus der Hand, weil er der Meinung war, der Opa dürfe sie wegen seiner 85-jährigen Zähne nicht essen.

Von Neruda war ich hier weiter entfernt denn je, während ich den Opa mitten in der Nacht versuchte, vom Boden aufzulesen. Er war der Meinung, dass er nicht aufstehen kann, also konnte er nicht aufstehen. Er war vor meiner Ankunft heftig gestürzt und plagte sich mit den Schmerzen und der Erinnerung an den Sturz herum. Er hatte Angst und ich keine Chance. Also durfte ich mit meinem gebrochenen Spanisch den Notruf anfunken. Bisher war mein Vokabular eher ausgerichtet auf „Ein Bier bitte noch“, Wo geht’s hier zum Strand“ und „Kann ich auch mit Kreditkarte zahlen“?  Damit kam ich nicht weit.

Nach langem hin und her waren dann der übermüdete Sohn und Rettungskräfte endlich da.

Ein 85-Jähriger hatte sich von Schmerztabletten völlig benebelt und hirndurchweicht vom Boden seines Schlafzimmers zum Boden meines Zimmers hervorgerobbt und lag da wie ein zusammengekauertes Kind. „Da liegen 85 Jahre Leben“, dachte ich. Ein Leben mit Geschichten, mit Liebe, mit Sex, mit Reisen. Jetzt liegt ein ängstliches Häufchen da und bekommt schlichtweg nichts mehr auf die Reihe. Und alles um ihn herum: Sohn, Ärzte und ich wollten nur eins: Aus dieser Nummer einfach nur raus.

Und ich war jetzt mittendrin.

Der Start

Als ich mich auf den Weg machte, um ein altes Leben zu begleiten, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. Das war auch gut so, sonst hätte ich es nämlich nie getan. Und jetzt bin ich froh, mich auf diesen Weg gemacht zu haben.  Ein Zurück gibt es nicht mehr.

Ich lebe mit einem 85-Jährigen Mann zusammen. Das ist die Kurzfassung.

Die Lange: Ich betreue einen alten Mann, dafür wohne ich in seiner Wohnung. Wir leben also in einer WG mit vollem Programm: gemeinsames Bad, gemeinsame Küche und ich betüddel ihn Nachmittags bis spät in den Abend hinein. Um die Geschichte etwas spannender zu machen: All das spielt im spanischen Norden, in der Gegend „El Bierzo“. Und ich komme so mit A2-Spanischkenntnissen und zuviel Gepäck irgendwo in Kastillien an.

Mit dieser Konstellation ist zugleich auch das Kräfteverhältnis zwischen mir, der 38-Jährigen und dem gebrechlichen alten Mann auf wundersame Weise von der Fügung, wie sie ein Reisender oft erlebt, hergestellt worden. Wir beide sind innerhalb dieser Zusammenkunft beschränkt: Er körperlich und ich sprachlich.

Das ist unser Startpunkt.