Des Volkes wahrer Himmel

Meine Vergangenheit war ziemlich schwer. Sie passte in ganze zwei Baumwolltaschen rein und ich wollte sie so schnell wie möglich aus meiner Wohnung raus haben. Es waren Bücher, die sich im Laufe der Zeit in mein Expedit-Regal eingenistet und sich als Staubfänger breitgemacht hatten – teils ungelesen, teils gelesen und zuletzt lieblos gestapelt.

Auf dem Spielplatz in der Nähe meiner Wohnung gibt es einen für mich nahezu heiligen Ort, der mich immer wieder magisch anzieht. Es ist fast so, als gäbe es ein unsichtbares Band zwischen uns. Zu jenem heiligen Ort pilgerte ich nun, um mich von meiner Vergangenheit zu befreien: zur Bücherbox. Ich hatte allen Grund dazu, das ganze so unauffällig wie möglich zu tun. Meine Baumwolltaschen waren voll von peinlichen Lebens-Ratgebern und mittelklassiger Belletristik.

Als ich in Frieden eingehüllt zu meinem Bücheraltar schritt, wurde ich schnell in meiner Vorfreude ausgebremst: Es stand ein Fremder davor. Ich war mir sicher, dass dieser Mensch bald wieder verschwinden wird und dachte mir nichts dabei.

Ich sollte mich irren.

Wie besessen wühlte und sortierte er sich in der Box um den Verstand. Er steckte mit seinem Kopf, der elegant von grauen und verfilzten Haaren umspielt war, regelrecht im Regal drin. Dabei schob er höchst engagiert Bücher von links nach rechts, zog welche,  die darüber lagen wieder raus, legte sie wieder irgendwo anders hin – beim Zusehen wurde man schier wahnsinnig. Und er schien jemand zu sein, der in seinem Zottelkopf, nun ja…nicht ganz feinjustiert war.

Dann kam ich in sein Revier dazu. Das schmeckte ihm überhaupt nicht.

Ich sah mir das Treiben weitere dreißig Sekunden an. Genauso viel Geduld hatte ich nämlich noch für das wundersame Wesen übrig und fragte ihn mit entschlossener Freundlichkeit, ob ich jetzt auch mal ran dürfe.  Er war sichtlich not amused und gab mir zu verstehen, wo ich gefälligst meine Bücher hinzustellen hatte.

Jetzt war er in meinem Revier. Das schmeckte mir nicht.

„Haben Sie einen Auftrag oder was soll das hier?“, fragte ich ihn.

„Nein es ist eben wichtig, dass das Buch hier steht und jenes Buch dort und überhaupt achten sie bitte auf die ganzen Kinderbücher. Machen sie das bitte ordentlich“, dozierte Zottel-Depp.  Er hatte sichtlich einen an der Marmel.

„Sie gehen mir hier gerade unwahrscheinlich auf den Geist. Das wird mir hier jetzt echt zu blöd. Ich gehe jetzt zur nächsten Bücherbox“, gab ich ihm entnervt zu verstehen.

Dabei fragte ich mich, wie wir für Außenstehende von der Ferne ausgesehen haben müssen. Wahrscheinlich wie zwei Fremde, die sich an der intellektuellen Begegnungsstätte ihres Kiezes unterhalten, während sie sich von ihren liebsten Stücken trennen.  Sie sehen sich und teilen mit Wohlwollen ihre gemeinsame Leidenschaft für schöne Worte. Womöglich streiten sie sich gar darüber ob nun das Bewusstsein das Sein oder das Sein das Bewusstsein bestimmt oder ob Murakami und Roth tatsächlich den Nobelpreis verdienten. Sogar Goethes Osterspaziergang kommt zum Einsatz: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel“.

„Du dumme Fotze“

…rief er mir zu als ich mich mit meinen schweren Taschen zur nächsten Box aufraffte.  Mir war völlig klar, dass in unserem Drehbuch nicht die große Lovestory vorgesehen war, aber mit der Szene hatte ich nicht gerechnet.

Mir fiel baff nur eine Antwort ein, die ich ihm beim davongehen über meine rechte Schulter hinhauchte: „So etwas sagt man nicht“.

Im Laufe meines Marsches zur nächsten Schund-Abladestation war ich plötzlich unsicher, ob ich mich nicht hätte stärker wehren und ihm mal eine gepflegt eine Szene machen sollen. Ich dachte über Widerstand nach und ob er nicht manchmal notwendig ist.

Plötzlich hörte ich rechts von mir etwas anrollen. Es war Zottel-Depp auf seinem Zottel-Fahrrad. Er erreichte meine Höhe und legte nach: „Es tut mir leid, so etwas hätte ich nicht sagen sollen. Das war totale Scheiße von mir. Ich bin zurzeit etwas im Stress.“

Bäm.

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an“, sagte ich ihm. Wir waren wie zwei Kindergartenkinder, die sich noch vor einer halben Stunde mit Schäufelchen Sand ins Gesicht geworfen hatten und danach einander reumütig die Hände reichten.“

Zottel-Typ fuhr davon und ich lud widerstandslos meinen Schund an der nächsten Box ab. Ich kam nicht mit neuen Büchern zurück aber irgendwie doch mit einer neuen Geschichte.  So ist es immer mit Bücherboxen: Widerstand ist einfach zwecklos.

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