Die Madame

Als ich mich durch die ersten Stunden des Tages hetzte, bemerkte ich, dass ich noch keinen Kaffee getrunken hatte.

Ein Fehler, wie sich morgens um sieben am Schalter der Kundenberatungsstelle der Verkehrsbetriebe rausstellen sollte. Ich war mit meinem Rennrad in der Stadt unterwegs. Ich konnte es aus vielerlei Gründen nicht vor dem Gebäude abstellen. Zum einen, weil die Stadt voll von Kreaturen ist, die das Eigentum anderer nicht achten. Zum anderen, weil mein Bike einfach toll ist. Das lasse ich nicht aus den Augen, so wie ein alternder Mann seine jüngere Flamme nicht aus den Augen lässt.

Hier kommt die Madame ins Spiel. Sie war keine Flamme.

Hochkonzentriert und verschwitzt saß sie hinter ihrem Schalter und sprach mit einem Kunden. Kaum sah sie mich mit dem Rad, hievte sie sich aus dem Stuhl, hob ihren Arm mit der Eleganz eines Stadionsprechers und teilte mir sachkundig mit, dass ich das Rad aus „Sischärhaidsgründen“ draußen abzustellen habe. Ihr halb blondiertes, halb dauergewelltes Haar, wehte pathetisch im Raum.

Ich zögerte nicht. Das Kommunikationspetting habe ich mir und anderen erspart. Ich machte keinerlei Anstalten, mit meinem Wutausbruch zu warten. Ohne zu zögern, rastete ich sofort aus. Mitten im Raum. Fremde Menschen vor mir, Schulkinder hinter mir, die von der Klimaanlage verseuchte Raumluft über mir. Während meines Ausbruchs sah ich in sehr vertraute Augen. Augen eines ratlosen Publikums, das diesen plötzlichen Wutausbruchs nicht verstand. Diese Augen kenne ich schon lange. Die machen mit mir schon lange nichts mehr. Ich brüllte die Madame ungebremst an.

Das sie mir gefälligst das Leben jetzt nicht schwer machen solle. Dass sie mich einfach nur hier rein und rausgehen lassen soll. Dass mein Zug gleich fährt.

Ihrem Gesichtsausdruck nach hatte sie mit so einer Reaktion morgens um sieben keineswegs gerechnet. Dann tat sie das, was viele im Job durchschnittlich geforderten aber vom Leben überforderten Menschen taten: Sie sah flehend zu ihrem Kollegen hinüber.

„Und sie mache uns des Leybe schwär“. Bäm. Die Worte des Mannes hingen schwer im Raum wie die Rauchschwaden seiner Stammkneipe. Was sollte ich dazu sagen? Er hatte Recht. Ich aber auch, denn ich hatte weder Zeit noch Nerv für diese Art von bürokratischem Gehorsam hinter dem Schalter des Service-Grauens. Mein Handy war verschwunden und es muss im Korb eines der Mieträder gelegen haben. Mein Zug fuhr gleich. Ich hatte einen Termin. Und mir war bewusst, dass ich mit meinem Rennrad weniger Raum einnehme als so manch Mutter mit ihrem Kinderwagen. War ihnen egal. Beide Wesen hatten ihre Vorschriften und sie führten ihren Auftrag fein säuberlich  wie einen chirurgischen Schnitt aus.

Ich trat an den Schalter heran. Der Machtbereich der Madame. Ich hörte schon ihre Trommeln wirbeln. Sie wartete wie ein Elefant im Zirkus auf ihren Auftritt. „Sie müsse des Rad aus Sischäääheidsgründen draußen lassen“, dozierte das Geschöpf nochmals. Ich erklärte ihr, dass ich in fünf Minuten weg sei, dass ich mein Handy verloren habe – mein Leid sprudelte nur so aus mir heraus. Während mein Leid wie ein Schokoladenbrunnen vor sich hin quoll, dachte ich: Nun versteht sie mich. Schließlich ist sie Mensch. Ein Wesen, das jetzt der Auflösung zusieht wie einem Film und nun über all das wohlwollend  schmunzeln kann. Davon ging ich aus.

Das war ein Fehler.

Sie sah wieder durchschnittlich zu ihrem Kollegen hinüber. Ob er ein Handy gesehen habe.

Miststück.

„Nein, hier wurde keines abgegeben“, antwortete der graue Star.

Den Duft der Genugtuung sogen sie in sich auf wie hungrige Vampire das Blut von Jungfrauen. Der von Tabak zerfressene Mann sah mich zufrieden an.

Ich sagte ihnen, dass das Ihnen jetzt sicherlich runter gehe wie Öl.

Madame bekam jetzt so richtig Auftrieb. „Sie waaaare abbä auch unnfräundlischsch“.

Das war zu viel. Ich stand an der Tür, brüllte in den Raum und sprach die Worte aus, die ein hilfloser Mensch ausspricht, wenn er sich schlecht behandelt fühlt. „Ich wünsche Ihnen einen richtig beschissenen Tag. Ich meine so richtig scheiße. So richtig, richtig scheiße!“ Ich brüllte die Worte aus mit der Selbstsicherheit einer mittelalterlichen Hexe, die wusste, dass jener Fluch eintritt. Ich hatte die Macht. Eine Macht die sie nicht greifen und nicht beweisen konnten – so fühlte sich das  an.

Was ich in den Augen der Madame sah, überraschte mich.

Ich sah Angst. Ich sah tiefsitzende, nackte Angst. Sie glaubte mir. Ich muss also glaubwürdig gewesen sein. Sie hatte jetzt wirklich Angst vor dem was ihr an dem Tag blühen könnte.

Ich hingegen blühte auf. Der Tag war großartig –  von Herzen großartig. Und der Kaffee schmeckte danach richtig gut.

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5 Gedanken zu “Die Madame

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