Es gab einen Vorboten.

Wie aus dem Nichts tauchte er im Sommer vor meiner Spanien-Reise auf  und verschwand dann wieder.

Marktsamstag. Mainzer Dom. Die Marktstände waren umgarnt von Menschen und Sonnenanbetern.  An den Weinständen tummelten sich Hipster und  Alteingesessene Seite an Seite. Ich saß auf einer Bank am Fuße des Doms und sah, während mich die Sonne kitzelte, dem Treiben zu.

Ein hochbetagter Herr mit Gehstock kämpfte sich durch die Menschenmenge und setzte sich ächzend dazu.  Auch er ließ sich von der Sonne kitzeln. Von mir nahm er keinerlei Notiz, ich aber von ihm. Ich war in Riesling Laune, was in Mainz nichts Unübliches ist. Das Marktfrühstück am Samstag schenkt denen, die schon vormittags Wein trinken wollen, dafür die Absolution.

„Wollen Sie mit mir Einen trinken?“ Der Satz kam einfach so raus. Ich konnte ihn gar nicht aufhalten. Er huschte mir davon und verschwand in das Territorium des Herrn.  Es schien, als gäbe es eine telepathische Verbindung zwischen uns. Ich wusste einfach, dass er was trinken wollte aber sich nicht zu den Weinständen quälen konnte. Auf meine Frage reagierte er sofort: Er sparte sich jegliches Small Talk – Geplänkel und packte direkt seine Geldbörse aus. Bei unserem ersten Wortwechsel verstanden wir uns also nahezu ohne Worte.

Bei Riesling und Weißburgunder erzählte er dann seine Geschichte, die mit Gehstock und Franzbrandwein nichts zu tun hatte. Sie hatte vielmehr damit zu tun, wie er als Kameramann und Flugpilot die Welt erlebte. Es folgten Geschichten von Verhaftungen durch türkische Polizisten, von Helikopter -Flügen und von Dokumentationen, die er gedreht hatte. Aus dem gebrechlichen Mann wurde ein Mensch mit einer felsenfesten Geschichte.

Der zweite Wein folgte und wir tauschten Telefonnummern aus. Zudem lud er mich zu seiner Feier anlässlich seines 83sten Geburtstages ein. Wir verabschiedeten uns nach dem Marktfrühstück-Intermezzo voneinander und jeder ging seines Weges. Die Einladung nahm ich nicht wirklich ernst. Aber der Termin stand fest.

Sein Geburtstag nahte und ich war mir nicht sicher, ob dieser Termin echt war. Ich rief ihn an. Nach langem Klingeln nahm er den Hörer ab. Der Geburtstag sei abgesagt worden, es gäbe Terminprobleme  aber wir könnten uns doch treffen. Ich war, um ehrlich zu sein, einfach nur neugierig. Also ging ich wenige Stunden später zum verabredeten Cafè.

Er war schon da und wirkte wie jemand, der schon länger wartet. Und er wirkte wie jemand, der sich darauf freute, seine Geschichte einem Menschen erzählen zu dürfen, der ihn nicht kennt. Also erzählte er seine Geschichten, die zugegeben, sich nicht sonderlich von denen des Marktsamstages unterschieden. Nach etwas mehr als einer Stunde moderierte ich das Treffen höflich und routiniert ab, um meinen Heimweg anzutreten. Er brach dann auch auf und wohnte selbst nicht weit von dem Café.

Plötzlich kam ein Mann auf uns zu.

„Papa, wo bist Du denn, alle warten auf dich.“ Mir klappte die Kinnlade runter, der Opa stammelte irgendwas und stellte mich seinem Sohn als  „Die vom Dom“ vor.

Das fragende Lächeln des Sohnes  formierte sich zu einem: „Ah, Sie sind das. Von Ihnen habe ich schon gehört“. Dabei formierte sich sein Blick weiter zu einem besorgten Fragenkatalog, den ich nicht beantworten konnte.

Die Familie feierte den Geburtstag und der Opa hatte sie alle gepflegt versetzt – ich war der Grund. Der Sohn entschied, mich zu der Feier mitzunehmen. Er hatte Humor.

Das schrägste an der Geburtstags-Runde  war der Gang zum Tisch, an dem die Familie saß. Mich sahen nur fragende Gesichter an und ich fühlte mich, als müsste ich im Bikini die Tagesschau moderieren. Für mich stand dort fest: Der einzige Weg hier raus war der Weg durch.

Die Tochter fand mich so richtig scheiße.

Ich meine so richtig scheiße. Über ihrem Kopf formierte sich die dicke Luft zu einem einzigen Wort: Erbschleicherin! Ich war ihrem Hass schutzlos ausgeliefert. Der Sohn schien Spaß an ihrer nackten Angst ums Familien-Erbe zu haben. Befeuert wurde der Hass durch überflüssige Kommentare des Opas: „Ja Elif, Sie gehören jetzt zur Familie, Sie werden jetzt mitgezählt.“

All meine Versuche, mich unsichtbar zu machen, schlugen fehl.

Nach etwa zwei Stunden war der Spuk vorbei. Die Tochter war so semifreundlich und fuhr ihren Vater und mich sehr sehr schnell heim. Ich hatte kurz die Befürchtung, dass sie mich aus dem fahrenden Porsche Cayenne rauswerfen wird, aber meine Sorge verflüchtigte sich so schnell wie der verbrauchte Sprit für die Fahrt.

Zu Hause schenkte ich mir erst mal einen Riesling  ein. Auf diesen Riesling, da war ich mir sicher, sollten keine weiteren Geschichten folgen.

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2 Gedanken zu “Die vom Dom

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