Mario Vargas Llosa


Ich habe wahrscheinlich gegen ein Naturgesetz verstoßen. Wenn bei irgendwem in letzter Zeit aus dem Nichts plötzlich ein Sack Reis umgefallen war: Das war ich, Verzeihung.

Ein 38-jähriger Mensch kann nicht mit einem 85-jährigen Mann wohnen. Ich war nach vier Wochen mehr oder weniger durch. Ich fühlte mich am Ende wie ein Hefeteig, der in einem Schuhkarton aufgeht.

Es lag nicht an der Aufgabe. Was mich vielmehr fertig machte, war mein Lebens- und Arbeitstempo. Ich musste mich seinem Tempo anpassen – und das war nicht meins. So langsam zu sein, steht nicht in meinem Drehbuch. Zudem lebte ich in Altenhausen. Dort rollen auf dem Asphalt ausschließlich Rentner-Longboards. Der Ort bestand gefühlt nur aus Arztpraxen. Wenn nicht gerade Krankenwagen Zeit und Raum verprellten, waren es Leichenwagen, die sich meinem Sichtfeld aufdrängten. Krankheiten und Tod dekorierten meinen Alltag.

Mein ganzheitliches Hefeteig-Ganzkörper-Gefühl wurde zudem durch den Umstand beflügelt, dass sich inzwischen auch unsere Hirne eingeschwungen hatten. Auserwählte Paare dürften das ja in Reinform kennen: die  Sätze des anderen vervollständigen oder nur noch in der Wir-Form reden, als hätte es noch nie ein Ich gegeben. So schlimm war es bei uns noch nicht. Aber dennoch übernahm jeder unweigerlich eine Nuance vom anderen.

Mein Hirn wurde phasenweise matschig und ich bekam Wortfindungsstörungen.

Er fing manchmal aus dem Nichts an, laut zu singen und schlaksig zu tanzen. Als er mich beim ersten Mal dabei erwischte, zeigte er mir noch den Vogel. Der demente Mann sah mich glasklar an und zeigte mir den Vogel. Dass ich durchaus eine Irre sein kann, erkannte er bei unserem ersten gemeinsamen Fernsehabend. Unser tägliches Highlight war die Sendung ¡Ahora Caigo! Es gibt ein deutsches Äquivalent: Ab durch die Mitte auf Sat.1: Kandidaten, die auf Falltüren stehen, fallen runter, wenn sie die Antwort nicht kennen.

Bei Gameshows bin ich ein Arschloch. Ich schreie meistens die Antwort in den Fernseher, wenn die Kandidaten auf dem Schlauch stehen. Und so stand unser erster Fernsehabend im Zeichen des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Ich meine, diese Antwort war echt idiotensicher. Die dumme Kuh wollte sie einfach nicht aussprechen. Und so tat ich das, was jeder normal gebildete Mensch tut, wenn er die Dummheit des anderen nicht erträgt. Die Antwort  immer wieder in den Fernseher reinbrüllen. Immer wieder: Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa. Mario Vargas Llosa.

Der Opa starrte mich mit offenem Mund an.

Nach einer Woche hatte er sich schon an meine Anfälle gewöhnt und strich mir jedes Mal, wenn ich meinen ¡Ahora ich Kotze!- Moment hatte, sanft über den Kopf.

Der gepflegte Gaga-Faktor war ein wichtiger  Bestand-Teil unseres Umgangs. Wenn wir im Aufzug beide die Stille nicht ertrugen, fingen wir zeitgleich an, zu singen und zu wippen. Einmal, ließ ich in der Küche auf dem IPad das Manamana-Lied der Muppett Show laufen.  Er packte mich sofort am Arm und tanzte los: Er wartete  keine fünf Sekunden damit. Und so standen wir ungleichen Geschöpfe in der Küche und tanzten zu diesem genialen Stück – einfach so. Deutsch konnte ich ihm nie wirklich beibringen, aber ein Wort sprach er am Ende des Songs glasklar aus.

Ach, wie schön klang sein Manamana.

Sollen doch Eure Reissäcke ruhig weiter umfallen. Ist mir egal.

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2 Gedanken zu “Mario Vargas Llosa

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