Seine Arme waren weich wie Wackel-Pudding.

Da war überhaupt keine Spannung mehr und seine von Altersflecken übersäte Haut war dünn wie Pergamentpapier. Seine Arme hatten viel geleistet aber sie hatten im Laufe der Zeit immer weniger zu melden. Inzwischen hatten sie nichts mehr zu stemmen –  Nur noch ab und zu ausstrecken, wenn Ärzte es ihm befahlen.

Als das Gerät bei der Blutdruckmessung anfing zu brummen, die Manschette am Arm sich aufbäumte und die Zeit von der Messung angehalten wurde, kam mir das Alles vor wie das reinste Kasperletheater. Diese Untersuchung war nichts als Seniorenbespaßung, damit die Alten nicht auf die Barrikaden gehen und irgendwann aus der Reihe tanzen. Solche Rituale gehören anscheinend zur natürlichen Ordnung der Seniorenwelt: Sie geben den Puddingarmen Halt, Ordnung, etwas menschliche Nähe – und den Kassen Dinero.

Ich hatte in dem Versorgungs-Gefüge die geringste Last zu tragen. Ich war kurz da und hatte von allen den leichtesten Job.  Jedes Mitglied der Versorgungsmaschinerie behandelte den Opa wie ein Problem, das mit aller Kraft am Laufen gehalten werden muss. Auch für seine Kinder war er ein To-Do auf der Liste. Und jeder suchte sobald er mit dem Opa in einem Raum war, nur noch eins: das Weite. Keiner befasste sich länger mit ihm als er musste. Wahrscheinlich war er die Flucht längst gewohnt. Dabei war er immer ganz gelöst, wenn er mit geliebten Menschen sprach: bei Telefonaten mit der Schwester, mit dem Sohn oder gar bei Gesprächen auf der Straße mit alten Bekannten. 

Ich hatte zum Glück kein Bild von ihm im Kopf. Kein Bild davon, wie er früher war: als Vater, toller Opa oder Chef. Für mich war er der Opa, der Banane im Kopf ist und das Tanzen liebt. Er hatte auch kein Bild von mir. Ich war einfach da. Ihn interessierte nicht im geringsten, was ich im echten Leben mache. So hatten wir zusammen etwas, was uns in die Champions League der menschlichen Beziehungen befördert hat: voneinander keinerlei Erwartungen. Null. Nada.

Und damit hatten wir zeitweise richtig Spaß.

Der Opa war ein Job. Ein Job, der mir hilft, günstig in Spanien zu leben und die Sprache zu lernen. Womit ich hier nicht gerechnet hatte: Dass ich es mit dem Alter zu tun haben werde. Ich habe dieses Thema bisher mit chirurgischer Präzision sauber aus meinem Leben rausgehalten und einfach gnadenlos aus meinem Umfeld ausgeschlossen. Zwischen Hipster-Läden, die in meinem Viertel das Handlettering feiern, Stammkneipen, die diesen Trend wieder wegspülen und wöchentlichem Crossfit tauchte das Thema Alter glücklicherweise nie auf.

Jetzt ist es da.

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4 Gedanken zu “Champions League

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