Alte Hasen – Junges Gemüse

Es gibt für alles ein erstes Mal.

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die persönlichen Lebens-Premieren immer weniger werden. Im Grunde habe ich mit dem Thema Premieren auch fast abgeschlossen. So viele Lektionen sind gelernt, so viele Momente abgelebt. Wo soll da noch was kommen?

Es kam was.

Es war unser erster gemeinsamer Sonntag, der in dieser Variante zugleich unser einziger Sonntag werden sollte. Mein Dienst hatte um 16:30 Uhr begonnen – das ist die Vereinbarung. Es war der Tag vor der Empanada-Kotzerei. Ich tippelte pünktlich und schüchtern in sein TV-Zimmer. Es war ein sonniger Tag, das Licht strahlte in den muffigen Raum und versprach Leben. Der Opa war an diesem Tag noch munter. Ob wir mal ein „Dar un paseo“, also einen Spaziergang machen wollten. Dar un paseo ist Teil meines Jobs.

Noch ahnte ich nichts.

Wir gingen los. So recht wussten wir noch nicht, was wir miteinander anfangen sollten. Unbeholfen gingen wir nebeneinander her wie zwei zwangsverheiratete junge Menschen.

Es war ein herrlicher Rentnertag. Die Stare kackten in Schwärmen auf die Menschheit, die Rollatoren glitten wie Eisprinzessinnen über den Asphalt und im Park nervten nur die vorzeigbaren Enkelchen.

Er ging zielstrebig auf das Haus zu, das im Park liegt. Dort, so seine Versprechung – gäbe es Kaffee. Mit Kaffee kriegt man mich immer. Das hatte der Opa schon geschnallt. Im Foyer des Gebäudes standen etwa 80 Rentner. Mein Schicksal war mit dem Eintreten besiegelt. Noch ehe ich mich versah, zog mich der Opa mit seinem Gehstock auf die Tanzfläche und tanzte mit mir. Eine Kapelle, die diesen Job offensichtlich dringend brauchte, beschallte den Raum mit gefühlten 120 Dezibel. Zwei Mittvierzigerinnen mit strammen Leggins und silbernen Walla Walla-Tops animierten mit Gesang und eigenen Choreografien zur Sonntags-Ekstase.

Ungefähr 300 runzlige Fragezeichen starrten uns, das ziemlich ungleiche Paar, ziemlich gleich hohl an.

Ich war auf einen Tanztee gelockt worden und ich hatte nur einen Job: mit dem Opa tanzen.

Ich war die Attraktion. Wie ein Zirkuspferd führte mich der 85-Jährige der gaffenden Meute vor. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine von den Escort Damen. Ich spülte zwischendurch zwei Bier runter, um mich locker zu machen. Das Bier kostete 80 Cent. Ist nur fair. Nach den Cervezas war alles egal. Ich tanzte zwei Stunden mit dem Opa. Irgendwann tanzte ich auch mit anderen. Darauf kam es ja auch nicht mehr an.

All die Jahre habe ich es geschafft, den Gefahren des Nachtlebens aus dem Weg zu gehen. Ich hatte glücklicherweise noch nie K.O. -Tropfen abbekommen, wurde stets respektvoll behandelt, und bin noch nie irgendwelchen Typen auf den Leim gegangen.

Und wer verarscht mich? Ein 85-Jähriger Mann mit Demenz. Ich kann da nur sagen: Respekt.

Überrascht hat mich, wie munter die Alten waren, als es ums Feiern ging. Da kam bei jedem Einzelnen der Lebens-Kern raus. Der Kern, der mit Thrombosestrümpfen, Blutdrucktabletten und grauem Star nichts zu tun hat. Jeder war da echt, jeder war wieder ein Selbst. Der Opa war in seinem Element, obwohl es ihm eigentlich hätte schlecht gehen müssen mit den vielen Tabletten und Schmerzen. Der Opa liebt nämlich das Tanzen. Noch Tage später erzählte er allen in der Stadt von diesem Tag. Das war es wert.

Jeder im Raum tanzte auf seine Weise, wie es dem eigenen Wesenskern  entsprach: Da waren die sportlich-ehrgeizigen, die es allen zeigen wollten. Da tanzten die kränklichen, die noch mal alle Kräfte zusammen genommen haben und es tanzten die lebenslustigen Menschen, die alles so nehmen wie es kommt. Es scheint einen Kern in jedem von uns zu geben, der für immer unzerstörbar ist. Das kam beim Tanzen raus.

Und noch was: Wer wirklich wissen will, wie man Frauen zur richtigen Zeit anspricht, wie lange man am besten damit wartet, bis man zur Theke schlendert und das Objekt der Begierde bezirzt, der lernt das am besten auf einem Rentner-Tanztee. Vergesst Flirtseminare – geht auf Tanztees!  Die alten Hasen mit ihren Herzschrittmachern beherrschen diese Spiele wirklich im Schlaf.

Naja, einige haben auch geschlafen.

So total anders als auf unseren Partys ging es gar nicht zu.

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