Empanadas

Während ich seine Kotze wegwischte, dachte ich über Pablo Neruda nach. Genau genommen über den einen Satz: „Dejame que te hable tambien con tu silencio“. Im Zusammenhang mit meinem Ziel, Spanisch zu beherrschen, sah ich mich immer im Lichte des chilenischen Poeten. „Irgendwann“, dachte ich, „werde ich Gedichte von ihm lesen können, werde voller Weisheit den ganzen Kram von ihm kennen und ich trage stets ein ganz edles Exemplar bei mir.“ Im Spanischkurs  – Monate vor meiner Reise in den Norden Spaniens – musste die Gruppe vorlesen. Es war ein Gedicht von Pablo Neruda. Als ich dran war, las ich den Satz vor: „Dejame…“ und überhaupt. Die Lehrerin war überrascht und angetan. Ich hatte meinen tiefsinnigen Neruda-Moment, seitdem klebt die Zeile an meinem Kühlschrank.

Als ich mich für das Work und Travel Programm als Freiwillige angemeldet hatte, stellte ich mir vor, wie der Opa und ich spazieren gehen würden und er liest mir dabei Neruda-Gedichte vor. Ab und zu schaut er bedeutungsschwanger hoch zu den Bäumen, in denen die Sonne durch die Kronen strahlt und er erklärt mir dabei das Leben. Nach den vier Wochen gehe ich geläutert zurück nach Hause und habe den Lebensdurchblick wie was weiß ich der eine Typ bei „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran.“ Ich komme erleuchtet wie Jesus zurück nach Hause  und strahle.

Seine Kotze war leicht bröselig.

Die in der gallertartigen Masse schwimmenden Brösel waren mal Empanadas mit Thunfisch. Die Spanier knallen in alles Thunfisch rein. Wahrscheinlich auch in den Thunfisch.

Der Opa liebt Empanadas. Er freut sich schon drei Tage vorher wie Bolle, wenn er weiß, dass es in drei Tagen Empanadas gibt. Sein Sohn riss sie ihm einmal mitten beim Essen aus der Hand, weil er der Meinung war, der Opa dürfe sie wegen seiner 85-jährigen Zähne nicht essen.

Von Neruda war ich hier weiter entfernt denn je, während ich den Opa mitten in der Nacht versuchte, vom Boden aufzulesen. Er war der Meinung, dass er nicht aufstehen kann, also konnte er nicht aufstehen. Er war vor meiner Ankunft heftig gestürzt und plagte sich mit den Schmerzen und der Erinnerung an den Sturz herum. Er hatte Angst und ich keine Chance. Also durfte ich mit meinem gebrochenen Spanisch den Notruf anfunken. Bisher war mein Vokabular eher ausgerichtet auf „Ein Bier bitte noch“, Wo geht’s hier zum Strand“ und „Kann ich auch mit Kreditkarte zahlen“?  Damit kam ich nicht weit.

Nach langem hin und her waren dann der übermüdete Sohn und Rettungskräfte endlich da.

Ein 85-Jähriger hatte sich von Schmerztabletten völlig benebelt und hirndurchweicht vom Boden seines Schlafzimmers zum Boden meines Zimmers hervorgerobbt und lag da wie ein zusammengekauertes Kind. „Da liegen 85 Jahre Leben“, dachte ich. Ein Leben mit Geschichten, mit Liebe, mit Sex, mit Reisen. Jetzt liegt ein ängstliches Häufchen da und bekommt schlichtweg nichts mehr auf die Reihe. Und alles um ihn herum: Sohn, Ärzte und ich wollten nur eins: Aus dieser Nummer einfach nur raus.

Und ich war jetzt mittendrin.

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3 Gedanken zu “Empanadas

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